Politik : Was macht die Welt?

Bagdads Igel, Frankreichs Araber, Deutschlands Sorgen

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Vier Fragen an Josef Joffe

UN und Rotes Kreuz verlassen Bagdad: Organisationen, die als Alternative zu Amerikas fehlerhafter Politik galten. Wird die Lage im Irak hoffnungslos?

Der Massenmord an UN- und Rotkreuz-Mitarbeitern, fast alles Iraker, zeigt, mit wem es die Welt im Irak zu tun haben wird, wenn die Baathisten diesen Krieg gewinnen. Denn noch nie sind, etwa auf dem Balkan, internationale Hilfsorganisationen direkt angegriffen worden; wenn es Opfer gab, dann nicht aus Absicht. Einen kleinen Vorwurf darf man diesen Organisationen freilich machen, hatten sie es doch strikt abgelehnt, sich von den Amerikaner beschützen zu lassen. Umso mehr Grund, dass die Koalitionstruppen jetzt ihren Sicherheits-Perimeter in Bagdad ausdehnen und, wie es im Militärjargon heißt, die ganze Stadt „aggressiv patrouillieren“. Überhaupt müssen sie in der Hauptstadt ihre Igelhaltung aufgeben und die militärische Initiative ergreifen. Sonst könnte die Lage in der Tat hoffnungslos werden.

Israels Premier Scharon wird Korruption vorgeworfen, der Armeechef kritisiert seine Kompromisslosigkeit gegenüber den Palästinensern. Kippt die Stimmung im Lande?

Der Korruptionsvorwurf (illegale Parteienfinanzierung) ist eine nicht mehr ganz frische Geschichte, ebenso wie die Kompromisslosigkeit des Premiers. Aber wenn der Armeechef sich zu wehren beginnt, dann ist das ein bedeutsameres Signal als die Kritik aus dem linken Lager. Der Mann braucht eine intakte Armee, nicht eine Truppe, die, weil nicht für Polizeiaufgaben ausgebildet, ihre Moral verliert. Freilich wird die Stimmung so lange nicht kippen, wie der palästinensische Terror anhält. Wer unter Beschuss liegt, wechselt nicht den Chef aus. Immerhin: Israelis und Palästinenser reden wieder miteinander – bis zum nächsten Terroranschlag.

Deutschland empört sich über die antisemitischen Äußerungen des CDU-Abgeordneten Hohmann, das Ausland hält sich zurück. Warum?

Nicht jeder deutsche Hinterbänkler schafft alsgleich den Aufstieg in die internationale Presse. Indes haben die hiesigen Verantwortlichen schnell und richtig reagiert, dito die deutschen Medien (was man von Frankreich nicht sagen darf, wo die Regierung sehr zögerlich auf Hunderte von antisemitischen Vorfällen ab 2001 reagiert hat, offensichtlich, um fünf Millionen Araber im Lande nicht zu provozieren). Man darf unterstellen, dass unsere Partner inzwischen voller Zuversicht auf Deutschland blicken. Sechzig Jahre nach Hitler sind die Abwehrkräfte in diesem Land so stark, dass Rassismus und Antisemitismus in diesem Lande keine politisch verwertbaren Ideologien mehr hergeben.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik …

Bis zum Jahresende soll der Verfassungsentwurf für das größer werdende Europa stehen. Das sind nur noch ein paar Wochen, und dennoch wird dieser bislang größte Schritt in die entnationalisierte Zukunft hier kaum diskutiert. Ist Europa langweilig? Oder sind die Deutschen zu sehr mit Renten-, Gesundheits- und Arbeitsmarkt beschäftigt? Ein merkwürdiges, ja bizarres Phänomen.

Josef Joffe ist Herausgeber und Chefredakteur der „Zeit“. Fragen cvm

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