Politik : Was macht die Welt?

Ignorante Amerikaner, beleidigte Franzosen, deutsche Sünder

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Vier Fragen an Josef Joffe

Was ist das Ziel der neuen IrakStrategie Amerikas: Den Terror dort zu besiegen oder möglichst schnell abzuziehen?

Die Regierung Bush muss erkannt haben, dass es allein nicht geht. „Was macht die Welt?“ war jüngst im Irak und sah dort zweierlei. Einmal eine sehr gut ausgebildete US-Armee auf technischem Höchststand. Zum Zweiten eine (dieselbe), der sehr viel von dem fehlt, was sie in der jetzigen Phase des Krieges braucht: Terrain- und Sprachkenntnisse, kulturellen und politischen Durchblick. Woher sollte selbst ein West-Point-Offizier derlei Fähigkeiten haben? Die lernt man auf der Militärakademie nicht. Folglich die „Irakisierung“: irakische Polizei- und Militärkräfte. Die Frage ist nur, wie das funktionieren soll, wenn die Kandidaten nicht wissen, ob sie sich darauf einlassen sollen, weil sie nicht wissen, wie lange die Amerikaner bleiben. Folglich ersetzt der Einsatz von Irakis nicht die Nachhaltigkeit des amerikanischen Einsatzes.

Kriegsgegner Frankreich bietet Präsident Bush Hilfe an. Ist das ernst gemeint – und was kann Paris beitragen?

Ernst? Die Grande Nation ist seit jeher stolz auf ihre subtile Außenpolitik; deshalb schickt Paris immer gleich zwei oder drei Signale aus, was es nicht einfach macht, das wahre Ziel zu erkennen. Jetzt, da Berlin etwas freundlicher mit den Amis umgeht, befürchtet Paris, dass es womöglich ganz allein bliebe mit seinem anti-amerikanischen Kurs; also werden die Segel ein wenig gerefft. Aber vielleicht ist Frankreich gar nicht anti-amerikanisch, sondern bloß beleidigt, dass es seine strategische wie auch kulturelle Überlegenheit erst an England, dann an Amerika verloren hat. Ratschlag an Bush: Be nice and respectful, womöglich schicken die Franzosen nicht nur eine neue Freiheitsstatue, sondern auch Truppen nach Bagdad.

44 CDU-Abgeordnete haben in der Fraktion nicht für den Ausschluss des Amateur-Historikers Martin Hohmann gestimmt. Was sind die Folgen für das internationale Standing Deutschlands?

Das internationale Echo zu Hohmann und seinem Claqueur General Günzel war interessanterweise sehr verhalten; die Affäre wurde zumal in den Anglo-Zeitungen kaum registriert. Indifferenz oder Kompliment? „Was macht die Welt?“ tippt auf das letztere. Inzwischen müssen unsere ausländischen Freunde erkannt haben, dass es um dieses Land ganz gut bestellt ist; anders wäre es gewiss gelaufen, wenn der General noch Chef des KSK und der Hinterbänkler bloß mit einer Rüge davongekommen wäre. Freilich müssten die Russen wüten, dass da so ein komischer Deutscher ihre große Oktoberrevolution zu einer Filiale der jüdischen Weltverschwörung herabgewürdigt hat – und Lenin und Stalin zu Knechten derselben.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik …

Deutschland landet nächste Woche auf der Anklagebank des EU-Stabilitätspaktes: 2004 wird das dritte Jahr in Folge sein, dass es die Defizitgrenze überschritten haben wird. Irgendwie merkwürdig, dass die Fans des Multilateralismus wider diesen sündigen, wenn es um die eigenen Interessen geht.

Josef Joffe ist Herausgeber und Chefredakteur der „Zeit“. Fragen cvm

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