Politik : Was macht die Welt?

Der Kanzler als Genosse für die amerikanischen Bosse

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Vier Fragen an Josef Joffe

Zweimal zwei Selbstmordattentate in Istanbul. Kann dieser Terror die Türkei vom Weg des modernen Islam abbringen?

Ja, aber nicht auf direktem Wege. Die größte Gefahr für die Demokratisierung ist die Generalität, die schon öfter die Macht okkupiert hat – und zwar mit dem Vorwand, dass die Zivilisten keine Sicherheit garantieren können. In diesem Fall würden die Militärs auf die moderat-islamistische Regierung Erdogan verweisen und behaupten, dass diese nicht hart genug gegen die Islamo-Ultras vorgegangen sei. Just das ist das perverse Ziel der Terroristen: Das Land diskreditieren, in Bürgerkrieg stürzen, auf jeden Fall für Europa disqualifizieren. Deutschland hat ein vitales Interesse daran, dieses Szenario zu verhindern.

In New York hat der Kanzler gesagt, es gebe keinen größeren Unsinn als Berichte über Antiamerikanismus in Deutschland. Was haben die Amerikaner falsch verstanden?

Da hat der Kanzler einiges missverstanden. Natürlich gibt es Antiamerikanismus in Deutschland – und nicht zu knapp. Woran erkennt man denselben, und wie unterscheidet er sich von legitimer Kritik? Den Unterschied machen die drei klassischen Elemente jeglichen „Anti-Ismuses“ aus. 1. Stereotypisierung: „So sind die Amis“, etwa: geldgeil, selbstgerecht, heuchlerisch… 2. Dämonisierung, etwa: „Sie stecken hinter allen Übeln – von der Globalisierung bis zur Attacke auf das World Trade Center“ (letzteres glaubt ein Drittel aller jungen Deutschen). 3. Moralische Disqualifizierung; diese reicht im deutschen Diskurs von dickleibigen Kindern bis zum friedensmordenden Imperialismus. Merke: Nicht die einzelne Kritik macht den Anti-Amerikanismus aus, sondern die monotone Wiederholung, die keinen Raum lässt für Fakten, die nicht ins Bild passen.

Die Regierung Bush spielt schon wieder mit Protektionismus, diesmal mit Einfuhrquoten für Büstenhalter aus China. Hilft das der Wiederwahl?

Erstens sind Schutzzölle grundsätzlichBlödsinn – zum Beispiel haben die Stahlzölle von 2002 nur 3500 Jobs in der Stahlindustrie gerettet, aber 12 000 in der stahlverarbeitenden zerstört (weil sich der Grundstoff verteuert hat. Der Preis eines US-Autos ist um 100 Dollar gestiegen). Zweitens geht auch die politische Rechnung nicht auf, wenn die Chinesen sich rächen und ihrerseits Waren blocken, deren Produktion in US-Staaten konzentriert ist, die Bush 2002 nur ganz knapp gewonnen hat. Drittens werden BHs in den USA gar nicht mehr hergestellt, sondern vorweg in Lateinamerika. Das ist gut für Honduras, reduziert aber nicht das Handelsdefizit. Zentralbankchef Greenspan hat recht, wenn er vor „schleichendem Protektionismus“ warnt, der die Weltwirtschaft erschüttern könnte.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik…

Schröder war gerade in New York, wo er die Creme der US-Wirtschaft zu beschwichtigen versuchte, aber politische Gespräche vermied. Ob er die Bosse überzeugen kann, wenn er nur sehr halbherzig versucht, sich auch mit Washington zu arrangieren? Bush und Powell werden von diesem Ausweichmanöver nicht begeistert sein.

Josef Joffe ist Herausgeber und Chefredakteur der „Zeit“. Fragen cvm

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