Politik : Was macht die Welt?

Revancheangst, Revanchefoul und viel Heuchelei

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Vier Fragen an Josef Joffe

Saddam Hussein ist gefasst. Wie verändert das die Lage im Irak?

Hauptsächlich zum Besseren, wie die Freudendemonstrationen in Bagdad zeigen. Das Symbol des Kampfes gegen einen besseren Irak ist aus dem Spiel; viele Iraker, die die Rückkehr der Saddamisten fürchteten, werden jetzt ihre Wetten auf die Zukunft anders platzieren. Anderseits gehen zwei andere Kriege gegen die Koalition weiter: Der eine wird von der entmachteten sunnitisch- arabischen Herrschaftsschicht geführt, die den Payback der von ihr geknechteten Schiiten und Kurden vor Augen hat; der andere von der Internationale des Terrors, die den USA in Nahost eine bleibende Niederlage zufügen will. Diese beiden Kriege könnten aber ohne Saddams Präsenz einfacher werden – auch in Amerika selbst, wo Bush endlich einen Erfolg vorzeigen kann.

Warum will Präsident Bush die Großaufträge beim Aufbau im Irak nicht an Firmen aus den Ländern der Kriegsgegner vergeben – wenn doch US-Konzerne wie Halliburton dem Steuerzahler zu hohe Rechnungen stellen?

Dies ist eine wunderbare Frage, die nach einem dezidierten Einerseits-Andererseits schreit. Einerseits: Warum sollen ausgerechnet jene Länder (Deutschland, Frankreich), die den USA beim Gang in den Krieg ein Bein zu stellen versuchten und sie dann allein kämpfen ließen, heute an den Gewinnen beteiligt werden? Andererseits: Wenn George W. die Risse wieder kitten will, warum tritt er die beiden im Revanchefoul vors Schienbein? Ratschlag an Schröder & Chirac: Wer weiland den Pazifismus predigte, sollte heute nicht nach Profiten greifen. An Bush: Wer Freunde zurückgewinnen will, sollte sie nicht kleinlich provozieren. Ratschlag an den US- Kongress: eine Untersuchung gegen Halliburton starten. Dieser Konzern führt anscheinend einen ganz eigenen Krieg: gegen den US-Steuerzahler.

Die EU rechtfertigt in ihrer neuen Sicherheitsstrategie militärisches Vorgehen gegen die Ausbreitung von Massenvernichtungswaffen, hat aber „präventives Engagement“ aus dem Entwurf gestrichen. Was ist der Unterschied?

Hmm. Das ist, als wolle man mit einem Kondom Kinder zeugen. Oder mit einer ungeladenen Pistole Böslinge beeindrucken. Beides funktioniert nur selten. Zählt man hinzu, dass die EU noch lange kein effektives Eingreifpotenzial haben wird, müssen Möchtegern-Atomstaaten nicht allzu heftig zittern. Auf jeden Fall wird der Iran, das Land, das bald Raketen mit Euro-Reichweite haben wird, nicht von seinem A-Waffen-Programm ablassen. Aber aller Anfang ist schwer. Probieren wir die neue Politik an der Schweiz oder an Dänemark aus. Dann sehen wir weiter.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik …

Die versucht sich seit Wochen an einer pragmatischen Quadratur des fundamentalistischen Kreises. Also: keine Atomkraft in Deutschland, aber Nuklearexporte nach China und Finnland. Das geht nicht. Entweder der deutsche Anti-Atomismus wird revidiert; dann kann man auch guten Gewissens exportieren. Oder man lässt am deutschen Wesen die ganze Welt genesen: keine Atomkraft für niemanden. Solche Dilemmas können nur durch erhöhten Heuchelei-Ausstoß geknackt werden.

Josef Joffe ist Herausgeber und Chefredakteur der „Zeit“. Fragen cvm

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