Politik : Was macht die Welt?

Gute Vorsätze in Schurkenstaaten und unmögliche Vorhersagen

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Vier Fragen an Josef Joffe

2003 stand im Zeichen des Krieges. In den USA herrscht seit Wochen Alarmstufe Orange. Drohen 2004 Anschläge wie 2001?

Bei dieser Frage, wie auch bei den drei nächsten, gilt das Yogi-Berra-Prinzip, benannt nach dem berühmten US-Baseballspieler: „Ich mache nie Voraussagen, und schon gar nicht über die Zukunft.“ Voraussagen, z. B. über Steuereinnahmen, machen nur Finanzminister, weil denen sowieso niemand glaubt. Ein Terrorjahr ’04? Präzise lässt sich nur sagen, dass dem islamistischen Terror seit 2001 kein Anschlag in den Zentren westlicher Macht gelungen ist, nur in Bali, Djerba oder Istanbul. Es scheint also nicht so einfach zu sein, einen spektakulären Schlag gegen New York oder Washington zu führen. Dieses Urteil gilt bis zum Eintreten des Gegenteils.

Gaddafi verzichtet auf Massenvernichtungswaffen, Nordkorea lässt US-Kontrolleure in die Atomanlagen, Iran ist gesprächsbereit. Wird 2004 ein Jahr der Abrüstung?

Gaddafis neues Ultimatum an die USA („weg mit den Sanktionen bis zum 12. Mai oder keine Entschädigung für die Lockerbie-Opfer“) zeigt, dass Saulus-zu-Paulus-Verwandlungen so zu behandeln sind wie unsere eigenen Neujahrsvorsätze: mit Skepsis, die sich am Handeln orientiert. Warten wir also ab, wie es den US-Kontrolleuren in Nordkorea ergeht, bevor wir das „Jahr der Abrüstung“ einläuten. Dito in Iran, wo der dezidierte Griff zur Atombombe nicht aufgehoben, sondern allenfalls aufgeschoben worden ist. In der realen Politik gibt es keine Wunder, und in Tripolis und Pjöngjang nur ein verlässliches Muster: die Regelhaftigkeit des Bizarren.

Israel will den Siedlungsbau auf dem Golan ausweiten. Wird 2004 ein Jahr der Zuspitzung oder der Annäherung in Nahost?

Hätte man im Januar 1973 den Jom-Kippur-Krieg vom Oktober voraussagen können – oder im Januar 1977 Sadats Reise nach Jerusalem im November? Oder im Juli 2000, als Clinton, Barak und Arafat in Camp David fast schon ein Friedenspaket geschürt hatten, den Ausbruch des Terrorkrieges im September, der seitdem über 3000 Opfer auf beiden Seiten gefordert hat? Wer sich in Nahost auf Weissagungen einlässt, könnte genau so gut versuchen, am Roulette-Tisch reich zu werden. Selbst als der liebe Gott, die mächtigste Kraft im Universum, den Kindern Israels das Gelobte Land verhieß, hat es noch 40 Jahre gedauert, bis sie es erreichten.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik …

Zu deren guten Neujahrsvorsätzen müsste zweierlei gehören. Erstens: lieber keine EU-Verfassung zu stricken als eine, die Eile über Weile setzt; schließlich soll die mindestens so lange halten wie die amerikanische (seit 1787). Zweitens: das Verhältnis zu den ungeliebten USA in Ordnung zu bringen. Schlechte Beziehungen zur größten Großmacht haben den Deutschen nie genützt (siehe: Wilhelm Zwo und Adolf), wogegen gute höchst segensreich gewesen sind (siehe Adenauer nach dem verlorenen Weltkrieg und Kohl vor der wiedergewonnenen Einheit). Eine gute Außenpolitik mehrt Einfluss und Optionen, eine schlechte schmälert sie.

Josef Joffe ist Herausgeber und Chefredakteur der „Zeit“. Fragen cvm

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