Politik : Was macht die Welt?

Nüchtern werden – und alle 24 Stunden etwas Neues

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Vier Fragen an Josef Joffe

Nicht Howard Dean, sondern der VietnamVeteran John Kerry hat überraschenderweise die Vorwahlen in Iowa gewonnen, Kann er Bush gefährlicher werden als Dean?

„Was macht die Welt?“ sagt dazu nix mehr. Vor zwei Wochen hat „WmdW?“ noch frech behauptet, entweder Dean oder Gephardt werde in Iowa gewinnen. Tatsächlich war Dean Nr. 3 und Gephardt Nr. 4. Wir sollten das wichtigste Gesetz aller amerikanischen Politik respektieren, statt Voraussagen zu machen. Es lautet: „24 Stunden sind eine Lebenszeit in der Politik“, will sagen: Die Dinge ändern sich sehr schnell. Und bis zum November ist es in diesem Sinne noch eine ganze Eiszeit. Kerry? Er ist nicht unbedingt liebenswürdiger und weniger abgehoben als Dean. Aber wie auch immer: „WmdW“ hält sich jetzt an die Neue Zürcher Zeitung, um so alle Fehler zu vermeiden: „Ob Kerry diese (Sieges-)Erwartungen erfüllen kann, wird sich weisen.“

Die UN wollen sich im Irak am Auswahlverfahren für die Übergangsregierung beteiligen. Beginnt so die Versöhnung mit den USA?

„Versöhnung“ ist ein irreführendes Wort, geht es doch nicht um Schuld & Vergebung, sondern um Interessen. Die Bushisten haben erkannt, dass sie mit reiner militärischer Muskelkraft allein zwar einen Krieg, nicht aber den Frieden gewinnen können. Kofi Annan, der gewiefteste aller UN-Generalsekretäre, hat verstanden, dass seine Organisation sich nicht selber irrelevant machen darf, indem sie eine so wichtige Frage wie die Zukunft des Iraks aussitzt. Grundsätzlich gilt das Prinzip der Ernüchterung ringsum, und das ist gut so, weil illusionslose Politik immer die beste Politik ist.

Die indische Autorin Arundhati Roy hat beim Weltsozialforum in Bombay dazu aufgerufen, sich am Widerstand im Irak zu beteiligen. Was muss Amerika tun, um sein Image zu verbessern?

Die Frage muss lauten: Was können Roy und Konsorten tun, um ihren Moral- und Intelligenzquotienten zu verbessern? Sich am Widerstand zu beteiligen, hieße, den Saddamisten und damit einer Neuauflage des Horror-Regimes zum Sieg verhelfen zu wollen – Leuten, die gern auch die eigenen Landsmänner in die Luft sprengen, um sich durchzusetzen. Welcher halbwegs nachdenkliche Mensch kann derlei wollen? Der Amerika-Hass von Roy usw. macht blind, und wer blind ist, disqualifiziert sich für jeglichen moralischen Diskurs.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik …

„WmdW“ befindet sich gerade auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos, wo ihn viele gefragt haben: „Und – geht’s weiter mit den deutschen Reformen?“ Weit verbreitet ist die Annahme, dass Schröder jetzt, in einem Jahr von 14 Wahlen, alle Viere von sich strecken wird. Ebenso weit verbreitet unter ausländischen Bossen und Ökonomen ist der Wunsch nach viel tiefer greifenden Reformen etwa des Arbeitsmarktes. Wahrscheinlich um sich derlei Fragen nicht aussetzen zu müssen, war die deutsche Repräsentanz in Davos nicht sehr groß. Wirtschaftsminister Clement war da und Angela Merkel, „the future chancellor of Germany“, wie sie hier und da vorgestellt wurde.

Josef Joffe ist Herausgeber und Chefredakteur der „Zeit“. Fragen clw

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