Politik : Was macht die Welt?

Überschätzte Macht und Balance der Geheimdienste

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Vier Fragen an Josef Joffe

George W. Bush und Bundeskanzler Gerhard Schröder haben sich in Washington getroffen. Haben sie sich auch versöhnt?

Versöhnt? Hat sich Schröder mit Lafontaine versöhnt? Kohl mit Geissler, Süssmuth oder Biedenkopf? Bush wird Schröder nie verzeihen, dass der im Sommer 2002 Wahlkampf gegen ihn und Amerika gemacht (und auch noch gewonnen) hat. Das ist insofern ungünstig, als der normale freundschaftliche Kontakt, wo man in heiklen Fragen einfach zum Telefon greift („Hello, George – hello, Gerd“) zwischen den beiden nicht funktioniert. Wirklich wichtig aber ist ein anderer Punkt. Beide haben gelernt, dass sie ihre Macht überschätzt haben. Bush kann nicht ohne Verbündete, und Schröder kann sich nicht dauerhaft mit der stärksten Macht auf Erden anlegen. Das ermuntert zur zähneknirschenden, zumindest verklemmten Kommunikation. Die wurde in Washington geprobt. Wahrscheinlich hat George dem Gerd das „You“ angeboten.

Die britische Regierung hat offenbar UN-Generalsekretär Kofi Annan ausspioniert. Ein Skandal?

Wenn es ein Skandal ist, dann ein sehr weit verbreiteter. Alle Geheimdienste hören alles bei allen ab, auch unsere eigenen, und das bei Freund und Feind. Einmal, weil es so einfach ist: Man greift in den Äther und wühlt in Millionen von Gesprächen herum. Freilich springt die Aufnahme nur an, wenn Schlüsselwörter im Dialog auftauchen, etwa: „Bombe“, „Bargeld“ oder „Bin Laden“. Weshalb auch wichtige Leute ihre Sekretärin die Termine mit der Geliebten machen lassen. Wer will, mag diese Art von Spionage als „vertrauensbildende Maßnahme“ abbuchen, nach der Devise: „Was ich weiß, macht mich nicht heiß.“ Die Intentionen des anderen zu kennen, ist immer beruhigend. Jetzt muss sich Kofi Annan nur noch einen eigenen Geheimdienst zulegen, um die Balance wieder herzustellen.

Das Sechsertreffen mit Nordkorea in Peking ist gerade zu Ende gegangen. Geht es voran in Sachen Atomkontrolle – oder gilt: außer Spesen nichts gewesen?

Das weiß man bei den Nordkoreanern nie. Zur Zeit sind die Geräusche, die aus Pjöngjang kommen, nicht mehr ganz so deprimierend. Es heißt, dass Nordkorea bereit sei, die „militärische Komponente“ seines Atomprogramms aufzugeben, nicht aber die zivile. Die einzig gute Nachricht ist, dass der bizarre Führer des Nordens überhaupt verhandelt und dass China und Russland nicht mehr so tun, als gehe sie das Atomprogramm Pjöngjangs nichts an.

Ein Wort zum deutschen Außenminister…

In einem kaum wahrgenommenen Interview mit der „Berliner Zeitung“ hat Joschka Fischer ein „Goodbye Kerneuropa“ angedeutet: „Kleineuropäische Vorstellungen funktionieren einfach nicht mehr“, weil „unser Kontinent (so) die strategische Dimension nicht ausfüllen“ könne. Fischer hat Recht. Dieses „karolingische“ Kleineuropa, das im Wesentlichen um Deutschland und Frankreich kreiste, ist nicht nur zu klein, sondern auch zu provinziell für eine Welt, deren strategischer „Markt“ so global geworden ist, wie es der wirtschaftliche längst ist.

Josef Joffe ist Herausgeber und Chefredakteur der „Zeit“. Fragen: clw.

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