Politik : Was macht die Welt?

Zaren, Diktatoren und der falsche Mann fürs Raumschiff

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Vier Fragen an Josef Joffe

Was wäre schlimmer: Wenn die Bomben in Madrid von der Eta oder – wie es jetzt scheint – von Al Qaida gelegt wurden?

Für die 200 Todesopfer macht das keinen Unterschied. Das Böse bleibt das Böse, egal, wer die Verbrecher sind. Für den Rest der Welt wäre es „besser“, wenn es die Eta gewesen wäre, ist die doch ein nationales Problem, das sich mit nationalen Mitteln in einer überschaubaren Arena bekämpfen lässt. Die Handschrift des Verbrechens aber, die nicht typisch für die Eta ist, spricht die Sprache des islamistischen Terrors. Das Vokabular sind die schiere Mordlust, komplizierte Logistik und präzise Koordination. Dies würde bedeuten, dass der internationale Islamo-Terror wieder Tritt gefasst hätte, also groß angelegte Offensiven im Westen (und nicht bloß in Djerba, Bali oder Kerbala) aufziehen kann.

Putin hat die Wahlen in Russland haushoch gewonnen. Ist das Land auf dem Weg zu einer kapitalistischen Form des alten Systems?

Welches alte System? Das totalitär-expansive des Josef Stalin? Das bürokratisch-autoritäre des Leonid Breschnjew? Oder das monarchisch-despotische à la Peter der Große oder Iwan der Schreckliche? Putin borgt sich Elemente von allen dreien, aber mit lächelndem Gesicht und pseudo-demokratischem Gestus. Das totalitäre Element ist die Ausschaltung aller unabhängigen Machtzentren mit Ausnahme der orthodoxen Kirche. Das monarchische ist die Konzentration der Macht in einer Person. Das autoritäre ist die Unterwerfung des demokratischen Prozesses, vorweg der Wahlen, unter den Alleinherrschaftsanspruch Putins. Kapitalismus? In der Tat, aber nur so lange, wie sich die Unternehmer nur um den Profit, nicht um die Politik kümmern.

Iran hat die Internationale Atomenergiebehörde erneut belogen, sagt al Baradei in seinem Bericht. Steht der nächste große Konflikt nach dem Irakkrieg bevor?

„WmdW“ hat iranische Atomwaffen immer als ein größeres Problem eingeschätzt als irakische, hat auch nur kurz geglaubt, das die EU-Initiative der Großen Drei (Berlin, London, Paris) etwas ausgerichtet hätte. Aber wer soll heute militärisch eingreifen? Die Europäer? Lachhaft. Die Amerikaner? Sie könnten es, haben aber im Wahljahr genug mit dem Irak zu tun. Die Iraner haben nun alles, was man für die Bombe braucht – von der Uran-Anreicherung bis hin zum technischen Knowhow. Teheran wird in drei bis fünf Jahren Atommacht sein, wiewohl nicht unbedingt eine offen deklarierte.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik …

„WmdW“ hat mit Horst Köhler geplaudert, der Deutschland in der Welt repräsentieren wird. Ein unmöglicher deutscher Politiker! Er benutzt keine Versatzstücke wie „Ich sach’ mal/geh’ davon aus“. Er versteht etwas von Wirtschaft, von Mikro-, Makro- und Globo-. Er beherrscht Englisch, die Arbeitssprache der Welt, und kann nach vier Jahren USA von außen nach innen blicken. Ganz cool („nich’ mal injorieren“, wie der Hamburger sagt) übergeht er die hektischen Attacken seiner SPD-Konkurrentin. Der falsche Mann fürs „Raumschiff Berlin“ und damit genau der richtige fürs Bellevue.

Josef Joffe ist Herausgeber und Chefredakteur der „Zeit“. Fragen: cvm

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