Politik : Was macht die Welt?

Heilung vom Hass, Konkurrenz aus Osteuropa und Zar W.

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Vier Fragen an Josef Joffe

Bei der Afghanistan-Konferenz hat die Welt großes Engagement gelobt. Wie lange brauchen die Afghanen noch Unterstützung?

Alle Interventionen, deren Ziel nicht bloß der militärische Sieg, sondern der Umbau der inneren Ordnung eines Landes ist, dauern viel, viel länger, als man glaubt. Tatsächlich folgt der Intervention ein Protektorat ohne voraussagbares Ende. Die Nato im Kosovo ist ein gutes Beispiel bei uns in der Nähe, der Irak etwas weiter weg und Afghanistan am Hindukusch. Der Grund ist ein ganz schlichter: Die politischen Pathologien, welche die Intervention provoziert haben, lassen sich durch diese nicht beseitigen. Die Stammesrivalität in Afghanistan ist noch immer da, dito auf dem Balkan der mörderische Hass zwischen Serben und Kosovaren. Wie lange die Heilung dauert? Wir wollen nicht zu pessimistisch sein, aber denken wir z. B. daran, wie lange die Religionskriege in Europa gedauert haben.

Nach Österreich und Deutschland ist jetzt auch in Frankreich eine Reform-Regierung abgestraft worden. Ist der europäische Sozialstaat unreformierbar?

Hier und jetzt? Nein. Denn es liegt im Selbstinteresse des Einzelnen, nach dem Prinzip zu handeln: Wenn man gibt, nimm; wenn man nimmt, schrei. Nicht Regierungen werden den Euro-Sozialstaat reformieren, sondern die Realitäten. Die sind bekannt: die Konkurrenz aus Osteuropa (Beschleunigung ab 1. Mai), Ostasien und Amerika. Aber denken wir nicht nur an Güter und Dienstleistungen, sondern auch an Köpfe. Schon heute arbeiten 400 000 europäische Wissenschaftler in den USA, dito wandern unsere besten Studenten nach Amerika und England ab. Selbst unser geliebtes „duales Ausbildungssystem“ kann nicht mehr funktionieren, wenn die Lehrlinge die Schule mit Schreib- und Rechendefiziten verlassen. Da die Europäer nicht doof sind, werden sie sich diesen Realitäten anpassen.

Die Nato-Osterweiterung ist perfekt – prompt fuhr Kanzler Schröder nach Moskau. Muss man den Russen die Angst vor der näher rückenden Nato nehmen?

Eigentlich müssten die Russen wissen, dass sie vor dieser Nato keine Angst haben müssen. Im Kern ist sie kein Militärbündnis mehr, sondern ein uniformierter Club der Demokratien und Marktwirtschaften. Erst recht müssen die Russen keine Angst vor den Balten oder Bulgaren haben; die sind strukturell nicht angriffsfähig. Dass der Kanzler nach Moskau fährt, ist eine Geste der Höflichkeit und der Vorsicht. Denn: So richtig berechenbar sind die Russen nicht, und wir wollen dafür sorgen, dass Wladimir I., der neue Zar im Kreml, nicht noch einen zusätzlichen Hebel für die Entdemokratisierung Russlands findet: die Instrumentalisierung der Angst vor dem Westen.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik …

Berlin ist ein guter Gastgeber der Afghanistan-Konferenz gewesen. Immerhin haben sich die Geberländer verpflichtet, noch einmal acht Milliarden Dollar für die nächsten drei Jahre herauszurücken. Das ist zwar viel weniger als die 28 Milliarden für die nächsten sieben Jahre, die auf dem Tapet standen, aber keine Peanuts.

Josef Joffe ist Herausgeber und Chefredakteur der „Zeit“. Fragen: clw

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