Politik : Was macht die Welt?

Spart an der Verteidigung und hofft, dass Allawi am Leben bleibt

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In Istanbul findet der NatoGipfel statt. Wie handlungsfähig ist die Allianz?

Für eine Allianz, die angeblich zusammen mit ihrer Daseinsberechtigung namens Sowjetunion gestorben ist, ist die Nato erstaunlich lebendig. Ihr laufen andauernd neue Mitglieder zu, zuletzt sieben Länder von B wie Bulgarien bis S wie Slowenien. Sie patrouilliert vom Kosovo bis nach Afghanistan. Das Geschäft läuft also sehr gut. Bloß: Mit der Handlungsfähigkeit hapert es ein wenig. Dieses Riesenbündnis ist mit 10 000 Mann im Ausland bereits heftig überdehnt, und das hat doch mit dem Ende der Sowjetunion zu tun. Da sich niemand so richtig bedroht fühlt, haben die wichtigsten europäischen Nato-Staaten wie Deutschland ihre Verteidigungsausgaben halbiert: von 3 auf 1,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes.

Am Mittwoch wird der Irak wieder souverän. Wo wird sichtbar, dass die Regierung in Bagdad mehr zu sagen hat als die USA?

„Was macht die Welt“ glaubt nicht, dass die neue Regierung in Sicherheitsfragen mehr sagen will als die Koalitionstruppen. Denn Baathisten und Terroristen haben just zur Machtübergabe ihre bislang blutigste Offensive eröffnet. Ohne Amerikaner und Engländer wäre der neue Irak wahrscheinlich verloren. Doch jenseits der Sicherheitspolitik hat die Regierung alle klassischen Rechte einer solchen – wie die Bundesregierung nach der Souveränitätsübergabe im Jahre 1955. Es galten nur diverse Vorbehalte der Alliierten bis zur Wiedervereinigung 1990. Heute ist aber am wichtigsten, dass der Premier Allawi überhaupt am Leben bleibt.

Auch nach der Hinrichtung ihrer Bürger bleiben Korea und Italien im Irak. Unterschätzen die Terroristen die Standfestigkeit des Westens?

Ja, obwohl sie in Spanien einen wichtigen taktischen Sieg davongetragen haben. Die Erfahrung – ob in Israel, Nordirland oder Westdeutschland in den 70er Jahren – lehrt, dass Terrorismus nicht die Appeaser, sondern die Verteidigungsbereiten stärkt und beflügelt. Das bestätigt sich gerade in Italien und Südkorea. Die Südkoreaner sind nicht gerade besonders amerikafreundlich und die Italiener nicht besonders wehrhaft. Und doch bleiben sie bei der Stange, dergestalt demonstrierend, dass das Kalkül des Terrorismus nicht aufgeht.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik …

Es muss nun endlich dieser Unsinn aufhören, wonach die Fußball-Niederlage gegen einen Zwergstaat wie Tschechien, und diese an einem so insignifikanten Ort wie Portugal (wo liegt das überhaupt?) Aussagen über die Kraft und Dynamik der deutschen Volksgenossen als Ganzes erlaubt. Wir haben die besten Universitäten, die niedrigste Arbeitslosigkeit und die schnellstwachsende Wirtschaft. Bei Gelegenheit werden wir es denen schon zeigen, ganz bestimmt, sehr bald, vielleicht schon 2020.

Josef Joffe ist Chefredakteur und Herausgeber der „Zeit“. Fragen: cvm

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