Politik : Was macht die Welt?

Neo-Zaren, Präsidenten fürs Kino und Träume deutscher Studenten

-

Die SPD kritisiert Grüne, die einen offenen Brief über Russlands Demokratiedefizite geschrieben haben. Wäre es besser, Moskau nicht öffentlich zu kritisieren?

Ein uraltes Dilemma namens „Realpolitik vs. Idealpolitik“. Nochmal die Antwort. Staaten verfolgen im Umgang miteinander Interessen und können sich ihre Partner nicht backen; also wird man den Ärger über diesen oder jenen Makel gelegentlich zurückstellen. Anderseits ist die reine Amoral nicht einmal gute Realpolitik. Es ist unser ureigenes Sicherheitsinteresse, dass Russland nicht zu einem NeoZarenstaat verkommt, der erst die Freiheiten im Inneren unterdrückt und dann zu einer imperialen Politik im Äußeren zurückkehrt. Es war also gut, dass die Grünen sich gemeldet haben; zuhören aber wird Putin nur, wenn’s ihm der Kanzler sagt.

Seit vier Jahren tobt die Al-Aqsa-Intifada. Hat eine der beiden Seiten sich dadurch Vorteile verschaffen können?

Von den Palästinensern kann man das bestimmt nicht sagen; der Terror vernichtet ihre Jugend, ihre Wirtschaft, ihre Zukunft. Die Israelis? Sie haben keine andere Wahl, als zu kämpfen, weil der Terror nicht zwei Staaten, sondern nur einen (arabischen) will. Und trotzdem sollten sie sich von den Palästinensern trennen, weil dieser Krieg auch ihre eigene Gesellschaft vergiftet.

Wer hat das erste TV-Duell gewonnen: Bush oder Kerry?

Gewonnen? Das wird am 2. November ausgezählt. Aber bei der Frage „Wer hat besser ausgesehen?“ geht der Punktsieg ganz klar an Kerry. Der Senator war ruhiger, gelassener, präziser in seiner Körpersprache; er sah also aus wie die ideale Besetzung der Präsidentenrolle im Kino. Dagegen signalisierte Bushs Körpersprache Nervosität und Unsicherheit; er zog die Schultern ein und klapperte andauernd mit den Lidern, was klassische Zeichen der Verlegenheit sind. Ob die beiden aber Unentschiedene für sich gewonnen haben, steht auf einem anderen Blatt. Beide konnten ihr Hauptproblem – ein Glaubwürdigkeits-Manko – nicht abschütteln: Bush muss einen Krieg verteidigen, dessen Gründe sich im Nachhinein als nichtexistent erwiesen haben, Kerry das Wahlvolk von seiner Führungskraft überzeugen, nachdem er so oft die Position in Sachen Irak gewechselt hat.

Ein Wort zu Amerika …

Ein Wort zu Stanford, wo „WmdW“ in diesem Semester unterrichtet. Welch ein Luxus! Keine Seminare mit 100 Studenten; bei 20-25 (maximal) ist Schluss. Die Lektüre steht im Netz, damit kein Studi etwas von „konnte ich nicht finden“ murmeln kann. Die Bibliothek hat auf bis Mitternacht, auch sonntags. Und die beliebte deutsche Vorstellung, dass solche Unis nur für Reichos sind, stimmt nicht. Sechzig Prozent der Studenten kriegen Unterstützung, vom Stipendium bis zu subventionierten Darlehen.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“ und lehrt bis Jahresende an der kalifornischen Universität Stanford. Fragen: cvm

0 Kommentare

Neuester Kommentar