Politik : Was macht die Welt?

Folgt dem Zeitgeist, wenn es um Nobelpreise geht, und wartet auf den 2. November

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Bushs Kriegsgründe sind widerlegt. Eine Mehrheit der Amerikaner scheint das nicht zu beeindrucken. Warum?

Ganz so simpel hat sich Charles Duelfer in seinem CIASchlussbericht nicht ausgedrückt. Zwei Schlüsselsätze lauten: „2000/2001 hatte es Saddam geschafft, die Sanktionen weitgehend zu unterminieren.“ Deren „De-facto-Ende war in Reichweite.“ Duelfer berichtet weiter, dass Saddam nur darauf wartete, die Arbeit an seinen MVW wieder aufzunehmen; zwischenzeitlich mühte er sich unredlich, die Welt zu täuschen, also so zu tun, als hätte er die Waffen noch. Folglich fällt es Kerry schwer, Bush unlautere Motive anzuhängen.

Eine eher unbekannte afrikanische Umweltschützerin: Das klingt eher nach dem alternativen Friedenspreis als nach dem von Nobel. Eine Fehlentscheidung?

Man muss sich den Nobel als zwei Preise vorstellen. Der klassische belohnt nach wie vor messbare Leistung, also in Physik, Medizin, Chemie, wo Politik (fast) keine Rolle spielt. Ergo wurden diese drei Preise zwischen sechs Amerikanern und zwei Israelis aufgeteilt, Bürgern von Staaten, die unter korrekt denkenden Menschen recht unpopulär sind. Anders bei Frieden und Literatur, wo es mehr um Stimmung und Zeitgeist geht. Dass Elfriede Jelinek den Lit-Preis mehr verdient habe als Philip Roth („Der menschliche Makel“), würden nur wenige Lit-Krits behaupten wollen. Aber sie hat die zeitgemäßen Themen: Frauen, Gewalt zwischen den Geschlechtern. Gleiches trifft für Wangari Maathai zu. Sie hat mit klassischen Friedensfragen wenig zu tun, ist aber Frau, Afrikanerin und Öko-Aktivistin. Das ist eine Kombination, die in den Zeitgeist passt und vom Friedenspreis noch nie berücksichtigt worden ist.

Sind die Anschläge in Taba ein Grund, den Friedensprozess in Nahost einzufrieren – oder einer, Palästinenser und Israelis zu neuen Gesprächen zu zwingen?

Wer soll sie denn zwingen? Die Horroranschläge waren wieder ein blutiger Beweis dafür, dass der Terror jegliche Annäherung ersticken will. Oder genauer: die Israelis so weit zu reizen, dass sie den Abzug aus Gaza kassieren. Dass die Blutbäder auf ägyptischem Boden stattfanden, ist ebenso neu wie ominös, soll es doch Kairo davon abhalten, eine konstruktive Rolle in der Zeit nach der Übergabe zu spielen. Just darüber reden die Ägypter derzeit mit der Regierung Scharon.

Ein Wort zu Amerika …

Das Blatt scheint sich zugunsten von Kerry gewendet zu haben, wiewohl Bush in der zweiten Debatte (Freitag) nicht mehr so tölpelhaft gewirkt hat wie in der ersten. Aber bis zum 2. November sind es noch drei Wochen. Das Rennen bleibt so spannend wie Schröder/Stoiber 2002. Und zum Schluss könnten auch in Amerika ein paar tausend Stimmen die Entscheidung bringen.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“ und lehrt bis Jahresende an der kalifornischen Universität Stanford. Fragen: cvm

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