Politik : Was macht die Welt?

Gaddafis Mütze, Europas Haltungsnoten und immer wieder Florida

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Die TVDuelle hat Herausforderer John F. Kerry klar gewonnen. Überholt er Amtsinhaber George W. Bush auf der Zielgeraden?

Jetzt wird es richtig spannend. Laut jüngsten Umfragen („Washington Post“) liegen George W. Bush und John F. Kerry präzise gleichauf bei 48 Prozent, übrigens auch in Florida, wo wohl wie 2000 die Entscheidung fallen wird. Merkwürdig ist bloß, dass Bush bei den Floridianern vorn liegt, wenn nachgefragt wird: bei Führungsstärke, Sieg im Irak, Kampf gegen den Terror. Ähnlich die nationalen Daten. Kann es sein, dass mehr Leute Bush gut finden als bereit sind, dies in ihrer Wahlabsicht zu bekunden? Das könnte am Wahltag zu einer üblen Überraschung für Kerry führen.

Ein Ausschuss des EU-Parlaments lehnt den italienischen Kommissarskandidaten Rocco Buttiglione wegen seiner Haltung zu Frauen und Homosexuellen ab. Eine berechtigte Verteidigung europäischer Werte?

„Haltung“ ist ein glitschiger Begriff, der bald dort hinrutscht, wohin sich der liberale Staat nie begeben darf: zu den „Gedankenverbrechen“, deren Bestrafung totalitäre Staaten (Stalins Sowjetunion, NS-Staat, Maos Kulturrevolutionäre) besonders lustvoll betrieben haben. Deshalb sanktioniert der liberale Mensch nicht „Haltungen“, sondern nur Untaten und Aufrufe zu Untaten. Haltungen gehören in die Arena des politischen Diskurses, nicht vor Ausschüsse und Richter.

Kanzler Gerhard Schröder beehrt Libyens Staatschef Gaddafi, weil der Terror und Aufrüstung abgeschworen hat. Kann uns das reichen, wenn sich an Diktatur und Unterdrückung im Land nichts geändert hat?

Diese Frage erinnert an den uralten jüdischen Witz, wo eine Mutter verzweifelt den lieben Gott anfleht, ihren Sohn vor dem Ertrinken zu retten. Als eine Welle das Kind an Land spült, blickt sie vorwurfsvoll himmelwärts und greint: „Und wo ist seine Mütze?“ WmdW ist jedenfalls dankbar für Gaddafis Schwenk in Sachen Terror und Atom, um die Mütze kümmern wir uns später.

Ein Wort zu Amerika …

Am 2. November wird ein neuer Präsident gekürt? Richtig, aber es könnte Wochen dauern, bis wir wissen, wer es ist. Zum ersten Mal können Leute wählen, die nicht im Register stehen. Ob rechtens, wird nach der Wahl entschieden. In manchen „Swing-Staaten“ werden Stimmen von Bürgern im Ausland (zum Beispiel Soldaten) noch lange nach dem Wahltag ausgezählt, solange sie einen Poststempel vor dem 3. November tragen. Erst der Weihnachtsmann könnte es wissen.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“ und lehrt bis Jahresende an der Universität Stanford, Kalifornien. Fragen: cvm

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