Politik : Was macht die Welt?

Sich selbst entzaubern und aus Ernüchterung lernen

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USAußenministerin Rice und Kanzler Schröder beschwören die Wiederannäherung. Wo liegen deren Grenzen?

Überall. Was wir als deutsch-amerikanische „Freundschaft“ zelebriert haben, war vor einem halben Jahrhundert die schiere Dankbarkeit der Verlierer für die unerwartet freundliche Behandlung (siehe auch: „Luftbrücke“, „Marshallplan“, „Wiederbewaffnung“) durch die Sieger. Und dann die strategische Abhängigkeit. Die Westdeutschen brauchten den Schutz, die Amerikaner die strategisch wertvolle Immobilie am Fulda Gap. Jeder hatte also ein geschärftes Bedürfnis, den anderen zuvorkommend zu behandeln. Dieser Impuls ist mit dem Untergang der Sowjetunion dahingeschwunden. Jetzt müssen sich andere Interessen durchsetzen – siehe dazu die letzte Frage.

Die Rede Köhlers in Israel wird kritisiert: Er habe nichts Falsches, aber auch nichts Neues gesagt. Kann ein Deutscher das überhaupt?

Ein Deutscher kann viel Falsches dazu sagen; denken wir an die NPDisten, die das alliierte Bombardement mit dem Holocaust und die Luftschutzbunker mit den Krematorien gleichsetzen. Derlei Lesart „die Deutschen als Opfer“ war subkutan schon in „Krebsgang“ und „Brand“ angelegt. Das Beste zu Köhler hat Gustav Seibt in der „SZ“ geschrieben: Seine „Worte waren zwar farblos, sein Auftritt war es nicht“. Man müsse ihm dankbar sein für „die glaubhafte Erschütterung, mit der er ein paar Sätze seiner Rede vortrug“.

Nach fünf Jahren ÖVP/FPÖ-Koalition hört man nichts mehr von Jörg Haider. Hat Kanzler Schüssel ihn entzaubert?

Protestparteien entzaubern sich immer selber; siehe zuletzt die Hamburger Bürgerschaft, wo Wie-hieß-er- noch-mal mit 20 Prozent der Stimmen einzog und seine Partei sich binnen zweier Jahre aus eigener Kraft in den Orkus beförderte. „Was macht die Welt“ sagt Gleiches auch der Neo-NPD voraus. Denn: Protest ist ein anderes Geschäft als Politik. Letztere erfordert Taktieren und Lavieren, auch ein Stück Interesse am Gemeinwohl, derweil Protestpopulisten nur an der reinen Lehre interessiert sind, und sei sie auch noch so schmutzig.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik …

Es ist gut, dass Rice so schnell nach Europa gereist ist und Schröder ihr einen freundlichen Empfang bereitet hat. Gut auch, dass „Condi“ der Diplomatie im Iran das Wort redet, derweil „Bundesgerd“ Hilfe für den Irak anbietet. Schröder hat gelernt, dass Berlin auch mit Pariser Hilfe nicht stark genug ist, den amerikanischen Riesen zu Fall zu bringen; dieser hat gelernt, dass er zwar allein einen Krieg, aber nicht den Nach-Krieg gewinnen kann. Ernüchterung ist der beste Weg zur Zusammenarbeit. Oder so: Schlechte Beziehungen zu Amerika waren noch nie ein Erfolgsrezept deutscher Außenpolitik – siehe u. a. Wilhelm II.

Der Autor ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: cvm

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