Politik : Was macht die Welt?

Rückversicherungen abschließen und dem Christentum entsagen

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Erst wählen Palästinenser und Iraker, nun erheben sich die Libanesen gegen Syrien. Erlebt Arabien eine friedliche Revolution wie Osteuropa 1989?

Das hängt davon ab, wie rassistisch man denkt. Die konventionelle Weisheit in diesem Land lautet: Das können die Araber nicht. Sie seien an Clan und Moschee gebunden, außerdem haben sie nie eine Reformation gehabt. Tatsächlich ist ArabischNahost die letzte Bastion des Despotismus. Nur sind Klischees eine stete Einladung dazu, sie mit den Fakten zu bombardieren. Und die sind wirklich beeindruckend. Trotz Bombenterror haben die Iraker mit einer höheren Beteiligung gewählt als Amerikaner häufig in ihren Präsidentschaftswahlen. Kaum war Arafat tot, eilen die Palästinenser zu den Urnen. Langsame Demokratisierung auch in den Golf-Staaten. Und jetzt erheben sich die Libanesen gegen ihre Besatzer, die freilich vor dem politischen Mord nie zurückgeschreckt sind. Vielleicht hat „Morgenland“ auch was mit „Morgenröte“ zu tun.

Der Kanzler besucht derweil die alten Potentaten und verkauft ihnen Waffen. Wofür brauchen sie die?

Man kann ja nie wissen, und deshalb sind Panzerfahrzeuge wie der „Fuchs“ eine gute Rückversicherung gegen zu viel Demokratie in den engen Gassen der Kasbah. Früher haben die „Gulfies“ das Gerät gegen den Irak in Stellung gebracht, heute taugt das Zeug hauptsächlich als Ermahnung an das eigene Volk, die Dinge nicht zu weit zu treiben. Und es ist ein Prestigeobjekt: Schaut her, wir haben das Feinste und Beste. So wie Dubai den höchsten Wolkenkratzer der Welt bauen will.

Nach der EU-Zusage, Beitrittsverhandlungen aufzunehmen, sind die Reformen in der Türkei ins Stocken geraten. Hatten die Skeptiker Recht?

Skepsis ist immer gut gegenüber jedweder Regierungspartei, die eine allzu feste Anbindung an den lieben Gott pflegt. Weil: Beim Glauben gibt es wenig Raum für Kompromisse, die das Wesen aller Demokratie sind (siehe: Religionskriege, europäische). Wer die Türkei in der EU haben will, muss sich sozusagen eine philosophische Frage stellen: Wie wird ein Kontinent, der sich rapide entchristianisiert, mit 70 Millionen Gläubigen fertig, wenn wir schon einen einzigen – George W. Bush – als unerträgliche Belästigung empfinden?

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik …

Gerhard Schröder lebte im Golf wieder eine klassische deutsche Vorliebe aus, die bis zum frühen Kohl zurückreicht: Großhandel statt Großer Strategie. Wo bleibt das unverzichtbare Stück Wertepolitik? Oder wollen wir den Amis die Freiheit (siehe Nahost) überlassen, derweil wir die Bilanzen hochhalten? Politik muss zwar immer praktisch sein, aber ein bisschen Inspiration macht den Unterschied aus zwischen dem Geschäfts- und dem Geschichtsträchtigen

Der Autor ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: cvm

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