Politik : Was macht die Welt?

Auf Cool Britannia schauen und auf einen neuen Platz an der Sonne hoffen

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Die Briten reagierten mit der typischen „stiff upper lip“ auf die Anschläge in London. Ist das eine geeignete Strategie, um die psychologischen Wirkungen des Terrors auf die angegriffenen Gesellschaften möglichst gering zu halten?

Was sonst? Hysterie? Eine Orgie neuer Gesetze und Einschränkungen? „Was macht die Welt“ findet, dass die Briten beispielhaft reagieren. Einmal hatten die Londoner Behörden genau diesen Fall immer wieder durchgespielt und waren deshalb vorzüglich auf die Konsequenzen vorbereitet. Zweitens dient nichts der psychologischen Beruhigung mehr als ein kompetent und kühl reagierender Staat. Ansonsten ist die „steife Oberlippe“ ein klassisches Kulturmerkmal der Briten – ganz im Kontrast zu unseren hysterieanfälligen Mitbürgern. „Cool Britannia“ ist just, was dieser Begriff sagt. Deshalb hat es auch auf verlorenem Posten Hitler widerstehen können.

Tariq Ali schreibt im „Guardian“, dass die Anschläge erst aufhören, wenn die „Besetzungen von Irak, Afghanistan und Palästina“ beendet würden. Hat er Recht?

Komisch, der Krieg in Afghanistan war doch die Antwort auf den Terror, nicht dessen Ursache. Terror gegen Israel ist auch viel älter als die Besetzung von Westbank und Gaza. Unterstellen wir, dass Israel von der Landkarte und Amerika aus dem „Greater Middle East“ verschwindet. Würden dann auch die Massenarbeitslosigkeit junger Männer und der Despotismus aus dieser Region verschwinden? Oder die islamischen Parallelgesellschaften im Westen, aus denen sich die Madrider und wohl auch Londoner Terroristen rekrutieren? Aber Agitprop ist einfacher als intellektueller Scharfsinn.

Heute vor zehn Jahren verübten Serben das Massaker von Srebrenica. Haben wir etwas daraus gelernt?

In gleicher Situation würden holländische UN-Soldaten wohl nicht zuschauen, wie ihre Schützlinge massakriert werden; da ist zu viel Schimpf und Schande über die Niederländer und die UN ausgekippt worden. Andererseits: In Sudan wird weiter gemordet, und in Zimbabwe wütet Mugabe ungestört nicht gegen Weiße, sondern gegen die eigene Bevölkerung. Es hängt also immer vom realpolitischen Kalkül ab, wie humanitär sich der Westen verhält.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik …

Jetzt geht’s zur „Kampfabstimmung“ in der UN-Generalversammlung, die Berlin einen Sitz im Sicherheitsrat verschaffen soll. Hoffentlich geht es den Deutschen nicht wie den Franzosen, die wähnten, Olympia 2012 schon in der Tasche zu haben. Etwas mit aller Macht wollen und nicht kriegen („Platz an der Sonne“ ff.), also die Selbstüberschätzung, ist eine historische Spezialität der Deutschen – siehe auch „Weltkrieg I und II“. Die der Franzosen übrigens auch, die es seit Ludwig XIV. nicht schaffen, genug Macht für die Herrlichkeit aufzubringen.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: clw/mos

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