Politik : Was macht die Welt?

Um BHs streiten und höflich Russisch reden

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Mitte der Woche findet in New York der große UNGipfel statt. Die Reformen kommen nur zögernd voran, Kofi Annan ist wegen der Skandale schwer angeschlagen. Haben die UN mit diesem Generalsekretär noch eine Zukunft?

Die UN haben immer eine Zukunft, sonst würde diese Organisation mit all ihren schweren Makeln nicht 60 Jahre lang überlebt haben. Sie kann nur agieren, wenn die Großmächte es so wollen. Sie ist keine Versammlung blütenweißer Demokratien. Ihre Bürokratie gehorcht dem Länderproporz. Selbstbereicherung und Korruption sind eingebaut – siehe Öl-für-Lebensmittel-Programm –, und es gibt niemanden, der die UN beaufsichtigen kann, auch nicht Kofi Annan, der zwischen den paar Großen und den vielen Kleinen manövrieren muss. Bloß: Gäbe es sie nicht, müssten die UN in ähnlicher Form wiedererfunden werden – als unverzichtbares Forum und als Handlungsinstrument (wenn es die Großen so wollen).

Die EU will den Dialog mit Indien intensivieren. Haben wir zu lange auf China gesetzt – statt auf die größte Demokratie der Welt?

Das ist eine Entweder-oder-Frage, die in der großen Politik nicht sehr erhellend ist. Die EU wird selbstverständlich weiter Geschäfte mit dem wachsenden Riesen China machen. Indien ist zwar eine Demokratie, aber der Bürokratismus ist kaum weniger hinderlich als der chinesische. Doch ist Diversifizierung immer nützlich, in der Wirtschafts- wie in der internationalen Politik. Außerdem strebt Indien nicht nach einer Weltmachtrolle, und das macht den Umgang etwas leichter als mit einem China, welches das Machtgleichgewicht zu seinen Gunsten drehen will. Zurzeit aber geht es zwischen EU und China Gott sei Dank nur um 75 Millionen BHs.

Schröder liebt Putin, Merkel spricht Russisch. Könnte sie deshalb mit dem russischen Präsidenten etwas klarer reden?

Russisch ist eine ausgesprochen höfliche Sprache mit vielen subtilen Verästelungen. Klartext hätte Schröder auch auf Deutsch reden können, ebenso wie Kohl. Aber wenn Angela Merkel Kanzlerin wird, fallen schon mal die Saunagänge und alkoholischen Verbrüderungen weg, was im Umgang der Staaten die gebotene Nüchternheit befördert. Statt „Nasdarowje“ und Schwitzerei lieber „Tachles“.

Ein Wort zum (zukünftigen) deutschen Außenminister …

Leider wissen wir nicht, wie der heißt, weil nach den jüngsten Umfragen so vieles möglich erscheint: Rot-Rot- Grün, „Ampel“, Schwarz-Rot. Die zweitstärkste Partei im Kabinett stellt traditionsgemäß den Außenminister. Aber wer die Nr. 2 in welcher Farbkombo sein wird, wissen noch nicht einmal die Wähler, die sich gerade neu sortieren. Vielleicht kommt „Was macht die Welt“ in den Genuss jener Weinflaschen, die er schon vor Wochen gegen einen Sieg von Schwarz-Gelb gewettet hat.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mal/mos

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