Politik : Was macht die Welt?

UN-Abenteuer beenden, Frankreich ärgern und Krieg im Inland führen

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In Amman wurden Gäste einer Hochzeit zerfetzt, im Irak haben Selbstmordterroristen Moscheen während der Gebetszeit angegriffen. Was ist aus dem Kampf gegen die amerikanischen Besatzer geworden?

Wir erleben gerade einen Strukturwandel des Terrors. Einst sollten Juden und „Kreuzfahrer“ (Christen) massakriert werden; jetzt sind es die eigenen Leute – mal Sunnis, wie bei dem Anschlag auf das Radisson von Amman, zuletzt 70 Schiiten in zwei  voll gepackten  Moscheen. Mithin ist der „Befreiungskrieg“ zum Glaubenskrieg (Sunna vs. Schia) oder zum reinen Nihilismus (jeder ist Zielscheibe) verkommen. Es ist Zeit, dass die arabischen Regime  begreifen, dass die Zeit des Augenzudrückens oder gar der stillschweigenden Unterstützung vorbei ist.

Der designierte Außenpolitik-Berater von Merkel, Christoph Heusgen, hält einen deutschen UN-Sicherheitsratssitz für eine „Illusion“. Stoff für Zoff in der Koalition?

Wieso Zoff? Jeder halbwegs vernünftige Mensch hätte schon vor Jahren begreifen müssen, dass der Sitz eine Illusion war; und wer wie Schröder und das Auswärtige Amt das kommende Desaster partout nicht sehen wollte, bekam die Quittung im Herbst, als auch unsere guten chinesischen Freunde die deutschen Ambitionen kühl torpedierten. Die Früchte deutscher Außenpolitik werden umso besser reifen, je weniger sie ihre Möglichkeiten überschätzt. Das rot-grüne UN-Abenteuer war kein Ausweis von Staatskunst.

Eine Einigung bei den WTO-Verhandlungen droht an französischen Agrarsubventionen zu scheitern. Soll Merkel dieses Thema bei ihrem Antrittsbesuch am Mittwoch in Paris ansprechen?

Ja, natürlich, weil der französische Agrarprotektionismus nicht den Freihandelsinteressen des Exportweltmeisters Deutschland entspricht. Aber das ist schon seit 50 Jahren so, und trotzdem hat sich Bonn/Berlin den Pariser Wünschen immer wieder gebeugt. Ein bisschen Druck wäre diesmal nicht schlecht – zumal gerade die Dritte Welt unter dem EU- und US-Protektionismus leidet.

Ein Wort zu Amerika…

Hier formiert sich eine neue Schlachtordnung im inneren Krieg um den Irak. Während die Linke die Bushies anklagt, das Land in der Frage der Massenvernichtungswaffen belogen zu haben, ist die Rechte in Partystimmung. Genüsslich zählt sie auf, wie viele Top-Demokraten Saddam den Besitz solcher Waffen unterstellt  haben: Clinton (Mr. und Mrs.), Madeleine Albright, Al Gore (Kandidat 2000), John Kerry (Kandidat 2004) … In dieser Frage hat Bush also nichts zu befürchten. Der Krieg als solcher aber gereicht ihm nicht zur Freude.

Der Autor ist Herausgeber der „Zeit“ und lehrt bis Jahresende an der Stanford University. Fragen: mal/clw

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