Politik : Was macht die Welt?

Deutsche Realpolitik im Irakkrieg und Fischer als amerikanischer Professor

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Der BND soll in Bagdad Bombenziele ausgespäht haben. War die Antikriegshaltung von Rot-Grün also nur Fassade?

Was Panorama und „Süddeutsche Zeitung“ im Doppelspiel aus dem Mund einer anonymen Quelle serviert haben, muss noch genauer gecheckt werden. Aber unterstellen wir, dass der BND wirklich bei der „Zielerfassung“ geholfen hat. Dann kommt die Aufregung reichlich spät. Obwohl Schröder sich verbal wie ein Gegner Amerikas aufgeführte, hat er in der Praxis wie ein halber Verbündeter gehandelt, der Deutschland nun einmal ist. Er hat den deutschen Luftraum geöffnet und US-Kasernen beschützen lassen. Derlei nennt man Realpolitik: Mit Anti-Amerikanismus Wahlen gewinnen, aber sich gleichzeitig beim unverzichtbaren Bündnispartner rückversichern. Bismarck hätte das verstanden.

Nachdem Iran die Siegel an den Atomanlagen geöffnet hat, wollen nun auch die Europäer den Fall vor den UN-Sicherheitsrat bringen. Hat der genug Druckmittel?

Natürlich, und zwar auch ohne Krieg. Die Wildgewordenen um Präsident Achmadinedschad mögen „verrückt“ sein, sind aber nicht blöd. Wollen sie es sich nicht nur mit den USA, sondern auch mit der EU und Russland verderben, das gerade seine verantwortungslose Haltung gegenüber Teheran überdenkt? Auch Mullahs wollen nicht allein in der Welt dastehen, und Iran lebt nicht nur von Erdöl und Pistazien. Die Wirtschaft schrumpft, die Geburtenrate nicht. Da die Iraner als solche intelligenter und realistischer sind als ihr Präsident, werden sie beim nächsten Mal anders wählen. Deshalb muss die Eindämmungspolitik mit langem Atem betrieben werden.

Österreichs Kanzler Wolfgang Schüssel will die EU-Verfassung retten. Ist die nicht längst tot?

Bitte nicht von einer „Verfassung“, sondern von einem „Verfassungsvertrag“ reden, also von einem Papier, das von Staaten gutgeheißen wird. Die EU-25 können diesen Vertrag auch ändern und so seine Akzeptanz verbessern. Da die Habsburger seit Karl V. („Kriege mögen die anderen führen, du, glückliches Österreich, heirate“) die Diplomatie recht gut beherrschen, stehen ihre Chancen als realistisch denkende Vermittler nicht schlecht.

Ein Wort zum früheren deutschen Außenminister …

Die Boulevardpresse in Deutschland regt sich auf, dass Joschka F. als akademischer Gastarbeiter nach Amerika geht. WmdW ist ganz entzückt, dass einer ohne Abitur und Dr. in Princeton lehren darf (am Standort D wäre ihm die Venia legendi verwehrt worden). Aber Professor F. wird dort auch etwas lernen, nämlich die Kombo Humor & Höflichkeit, die den akademischen Diskurs in Amerika prägt. Wenn er wiederkommt, werden ihn auch die früheren Untergebenen im Auswärtigen Amt herzen und lieben.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: clw

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