Politik : Was macht die Welt?

Um die geistige Vorherrschaft kämpfen und Nerven bewahren

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Der Streit über die dänischen Zeichnungen geht weiter. Schweißt das die Europäer zusammen?

Nicht die Staaten und deshalb muss man die EU fragen, warum sie den Dänen nicht zur Seite getreten ist – einer für alle, alle für einen. Die zweite Frage hat noch niemand gestellt: Warum ist so viel Zeit zwischen der Veröffentlichung im September und der Aufwallung in der islamischen Welt verstrichen. „Was macht die Welt“ ist gerade in Qatar, wo die Antwort so lautet: Iran und Saudi-Arabien kämpfen um die geistliche Vorherrschaft, und da will jeder den besseren Verteidiger des Glaubens abgeben. Also hätten die Saudis ihr weit gespanntes Moscheen-Netzwerk gegen die Dänen mobilisiert, derweil die Iraner versuchen, gerade jetzt Gegendruck im Atomstreit zu erzeugen. Mithin sei diese Affäre Machtpolitik vom Feinsten – eine sehr plausible Erklärung. Merke: Wenn Entrüstung weltweit organisiert ist, gilt es stets, genau zwischen Interessen und Empfindungen zu unterscheiden.

Haben wir im säkularisierten Westen das Recht, über die religiösen Empfindungen einer anderen Kultur hinwegzugehen?

Eine schwierige, aber zweischneidige Frage. „Was macht die Welt“ hat sich rund 300 Karikaturen in der staatlich gelenkten arabischen Presse angesehen (siehe Memri.org). Sie transportieren den Hass en gros: jüdischen Ritualmord, Kannibalismus (Uncle Sam und jüdische Figuren, die Palästinenser verspeisen), Rassismus (eine Condi Rice mit grotesk-negroiden Zügen). Trotzdem zieht niemand seine Botschafter zurück. Wir sollten allesamt religiöse Sensibilitäten respektieren; das gilt aber für arabische Zeitungen ebenso wie für dänische. Toleranz und Respekt sind Zweibahnstraßen.

Bush will weg vom arabischen Öl und setzt dabei auf Atomkraft. Russland plant 40 neue KKWs. Eine Renaissance?

Das tut die ganze Welt – von Finnland bis Japan, wo KKWs auf dem Programm stehen. Die Welt ist so erpressbar wie noch nie und muss deshalb alles für ihre Energiesicherheit tun. Hohe Ölpreise werden dafür sorgen, dass wir alle möglichen Quellen anzapfen, nicht nur die Atomkraft, sondern auch Biomasse und Kohle, die in Pilotanlagen bereits mit null CO2-Ausstoß verfeuert werden kann. Wir müssen Russland und Iran für ihre drastischen Warnungen danken.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik …

Die Kanzlerin hat Recht, dass a) Iran eine „rote Linie“ überschritten hat und b) die Überweisung der atomaren Frage an den Sicherheitsrat „keine Provokation“ sei. Iran führt einen Nervenkrieg, und da muss der Westen (plus Russland) die Nerven bewahren. Teheran sollte wieder hinter die „rote Linie“ zurückgehen. Ein Land, dessen Haushalt zu 80 Prozent von Öleinnahmen gedeckt wird, sollte nicht mit einem Ölembargo drohen.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mal/mos

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