Politik : Was macht die Welt?

Dichten und denken schließen sich oft aus, richten und henken seltener

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Beim Pen-Kongress in Berlin zog Günter Grass über Amerika her, Peter Handke erhält trotz seiner Milosevic-Sympathien den Heine-Preis. Was läuft schief im Land der Dichter und Denker?

Im Lande der Dichter und Denker waren die einen nur selten identisch mit den anderen – Ausnahmen: Schiller, Goethe und Lessing. Denken wir an den großen Thomas Mann, der in den „Bekenntnissen eines Unpolitischen“ nicht gerade Erbauliches über Demokratie und Liberalismus geschrieben hat. Der Fall Grass & Handke zeigt, dass Dichten und Denken konträre Beschäftigungen sind, dass eine ausgeprägte literarische Sensibilität nicht unbedingt das klare Denken schärft. Umgekehrt läuft das auch so: WmdW hält sich für einen ganz großen politischen Kopf, aber nur für einen sehr kleinen literarischen. Preisen wir Grass für seine „Blechtrommel“ und Handke für seine frühen Romane. Wer aber Amerika verstehen will, sollte Tocquevilles Meisterwerk „Demokratie in Amerika“ lesen. Wer Milosevic richtig einschätzen will, sollte die Berichte über das Massaker von Srebrenica nachlesen.

Zum Auftakt seiner Polen-Reise hat Papst Benedikt XVI. die Hoffnung geäußert, von Auschwitz möge ein neuer Sinn für Menschlichkeit ausgehen. Taugt dieser Ort zur Läuterung?

Wenn nicht der, welcher sonst? Wer begreifen will, wozu der Mensch (der, so die alten Römer, „dem Menschen ein Wolf ist“) fähig ist, sollte ein paar Stunden in den Überresten des Todeslagers verbringen. Nie wird WmdW die Worte eines polnischen Überlebenden vergessen: „Wenn es mir richtig dreckig geht, fahre ich von Warschau nach Auschwitz. Dann verblasst mein ganzes Unglück vor dem Horror der Erinnerung, und ich kehre ermutigt und hoffnungsfroh wieder zurück.“

Vor einem Jahr scheiterte der Plan einer Europäischen Verfassung. Funktioniert Europa nicht trotzdem ganz gut?

Natürlich. Diese „Verfassung“, die fast niemand gelesen hat, hätte nur zweierlei verändert. Es hätte die Stimmen der Staaten im Europäischen Rat neu gewichtet und einen europäischen Außenminister installiert. Da aber die Großen so oder so die Schlüsselentscheidungen treffen und die Außenpolitik so oder so in den Händen der Hauptstädte bleibt, hätte auch der Verfassungsvertrag keine neue Wirklichkeit geschaffen. Europas Verfassung ist wie die britische: mehr Praxis als Kodizil.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik…

Merkel macht’s in der Außenpolitik noch immer richtig – siehe China. Wie Kohl und Schröder macht auch sie dort Geschäfte, verbeißt sich aber nicht ein paar kritische Worte zu den Menschenrechten und der räuberischen Aneignung von „intellektuellem Eigentum“. Und siehe da: Sie wurde trotzdem sehr nett behandelt.

Der Autor ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mal

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