Politik : Was macht die Welt?

Feiernde Deutsche, optimistische Amerikaner, prügelnde Chinesen

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Die WM versetzt Deutschland in nationalen Taumel. Liegt es nur daran, dass endlich mal was besser klappt als erwartet?

Der gesamtdeutsche Beschluss, eine tolle Party zu feiern, kam vor Beginn der WM, also vor den beiden ersten Siegen gegen Costa Rica und Polen. Die Party sollte steigen, egal, wie früh und wie oft das deutsche Team verlieren würde. Aber die Sache geht tiefer. „Nationaler Taumel 2006“ ist etwas ganz anderes als „Nationaler Taumel 1871, 1914 oder 1939“. Damals sind die Deutschen in den Krieg, in der zweiten und dritten Runde gar geradewegs ins Desaster getaumelt. Heute taumeln sie höchstens ins Bett – und nicht nach einem nationalen, sondern einem Bierrausch, egal, wer gewonnen hat. Und das ist gut so – für die Nachbarn wie die Deutschen.

George W. Bush ist in der vergangenen Woche überraschend in den Irak gereist. Hat es sich gelohnt?

Bush nach der Rückkehr: „Ich glaube, der Fortschritt ist messbar.“ WmdW gibt ihm beim Folgenden Recht (im Vergleich zum Mai letzten Jahres). Heute sind 60 000 irakische Polizisten und Soldaten einsatzbereit, statt 20 000. Ihre Gefallenen sind von 259 auf 149 pro Monat gesunken. Die Angriffe auf Ölinstallationen sind von zehn auf drei gefallen. Die Stromerzeugung ist leicht gestiegen. Die Zahl der Telefonanschlüsse hat sich verdoppelt. Aber: Tägliche Terrorangriffe rauf von 70 auf 90. Zahl der Aufständischen: von 17 000 auf 21 500. Interkonfessionelle Gewalt hat sich mehr als verzehnfacht. Beste Nachricht für Bush: Die Zahl der brauchbarenTipps aus der Bevölkerung gegen die Dschihadisten hat sich mehr als verdoppelt – von 1700 auf 4400.

Die ARD interviewte einen chinesischen Bauern, der den Dreischluchtendamm kritisierte. Daraufhin wurde er brutal zusammengeschlagen. Ein Vorgeschmack auf die Olympischen Spielen 2008?

Bestimmt nicht, wenn während der Spiele die ganze Welt zuschaut. Die Chinesen haben den Begriff des Gesichtsverlustes erfunden. Also wird der Staat sein Bestes tun, um zu lächeln. Bloß: Was ist, wenn Falun Gong die Weltbühne 2008 für einen Auftritt nutzt? Oder Tibeter? WmdW traut den Chinesen subtilstes Gewaltmanagement zu, aber bei Falun Gong und Tibet, den beiden wundesten Punkten im chinesischen Unterdrückungsapparat, werden sie schnell die Nerven verlieren. Dann kriegen sie Gold in der noch nicht offiziellen Disziplin „Massenverprügeln und -abtransport“.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik …

Jedes Mal, wenn WmdW aus dem fernen Ausland zurückkehrt, merkt er, wie glücklich es in diesem Land zugeht. Die Probleme bleiben recht trivial: Familiensplitting, Ärztestreik. Selbst die Attacke der GEW gegen die Nationalhymne, obwohl unübertroffen in ihrer Dummheit, darf man noch unter „lässlicher Blödsinn“ ablegen.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: clw

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