Politik : Was macht die Welt?

Warum der Irak nicht Vietnam ist und im August die Krise droht

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Am Dienstag verabschiedet sich Joschka Fischer vom Bundestag und von seiner Fraktion. Gibt es ein letztes Wort, das Sie ihm nachrufen wollen?

Keine letzten Worte, bevor nicht die Nachrufe fällig sind. Aber ein Zwischenwort, da Fischer seine jüngste Häutung vollzieht – vom MdB zum „Mr. Professor“ in Princeton. Amerikanische Studenten sind einen anderen Diskurs gewöhnt als die hiesigen Parteifreunde und Pressbengel. Sie mögen Belehrung und Rechthaberei nicht, schätzen aber Witz und Respekt. Sie werden auch in sehr höflicher Weise Kritik am professoralen Wort vorbringen, die scheinbar wie Lob klingt. Gerade die „kulturlosen“ Amis haben sehr subtile Kommunikations-Codes entwickelt. Was man richtig oder falsch macht, kriegt man spätestens bei der Evaluation mit, die Pflicht in den Top-Unis ist.

George W. Bush will die Fortsetzung des Irakkriegs zur Botschaft der Republikaner bei den Kongresswahlen machen. Taugt der Sumpf als Trumpf?

Die Hauptstoßrichtung im Wahlkampf ’06 wird eine innenpolitische sein – gegen eine Demokratische Partei, welche die Republikaner als Steuereintreiber-Bande attackieren werden. Im Blick auf Irak werden die Bushies den Demokraten die Patriotismusfalle stellen: Wollt ihr, dass Amerika den Schwanz einzieht? Ob es funktioniert? Nur eines ist sicher: Irak ist nicht Vietnam. Dort fielen monatlich an die tausend Mann, im Irak sind es um die 50. Außerdem merkt niemand in Amerika, dass Krieg ist: Die Steuern steigen nicht, sondern sinken, und die Inflation, die unter Nixon zweistellig war, bleibt bei zwei bis drei Prozent.

Großbritannien plant die Modernisierung seiner Atomwaffen. Lohnt das?

Ja, natürlich – zumal in einer Welt, in der Iran zur Bombe greift, was die Nachahmungstäter in Ägypten, Saudi-Arabien und in einem konsolidierten Irak beflügeln wird. (Saddam hat sein A-Programm immer mit Blick auf Iran begründet). Die britischen „Vanguard“U-Boote mit ihren Trident-Raketen sind schon sehr alt; längst bauen die Briten an der neuen „Astute“-Klasse. Dass die EU zwei Atommächte hat, die auf dem Stand der Technik bleiben wollen, sollte alle guten Europäer nicht besorgen, sondern ruhiger schlafen lassen.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik …

Welche? Merkel und Kollegen sind vollauf beschäftigt mit Gesundheit, Rente und Familiensplitting – und das Land mit Fußball. Der klassische Krisenmonat ist immer der August. Denken wir an Weltkrieg I und II, den Berliner Mauerbau, den sowjetischen Einmarsch in die CSSR, die Entscheidung Amerikas, 1991 in den ersten Krieg gegen Saddam zu ziehen ...

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mal

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