Politik : Was macht die Welt?

Mit zwei Feuern spielen, Heringe verschenken und Dealer pfleglich behandeln

-

Ein Soldat wird in den Gazastreifen entführt – Israel marschiert ein. Hisbollah entführt zwei Soldaten – Israel bekriegt Libanon. Ist das nicht übertrieben?

Wer nicht beizeiten reagiert, der überreagiert. Die Israelis haben 2000 ihre Sicherheitszone im Südlibanon verlassen. Die „Belohnung“ waren seitdem Aberhunderte von Raketen auf Nordisrael. Die Räumung des Gazastreifens brachte das gleiche Muster, insbesondere seit Machtantritt der Hamas in diesem Jahr. In beiden Fällen hat Israel nur sporadisch oder gar nicht reagiert, was Hamas und Hisbollah ermuntert haben wird. Beide wussten übrigens, dass Jerusalem die Entführung seiner Soldaten als inakzeptable Eskalation betrachten würde. H und H haben diesen Quasi- Krieg gezielt herausgefordert. Schlimmer: Hisbollah würde nicht ohne Plazet aus Teheran agieren, das die Terrortruppe seit vielen Jahren über Damaskus munitioniert. Der Iran spielt jetzt also mit zwei Feuern, dem Atombombenprogramm und dem Stellvertreterkrieg in Nahost. Trotzdem hat Israel mit dem Bombardement Süd-Beiruts und der Zerstörung der Landebahnen des Flughafens überreagiert. Sein Feind ist Hisbollah, ein Arm iranischer Politik, nicht das libanesische Volk.

Bush war zu Gast bei Merkel. Ist Wildschweinessen wichtig für die Weltpolitik?

Das ist so wichtig wie Saumagen-Stochern in Oggersheim zu Kohls Zeiten. Mit der Einladung ins Heimische gewährt der Gastgeber dem Besucher die besondere Ehre – so wie unsereins auch mal Chef oder Schwiegereltern ins Haus einlädt. Einzuwenden ist nur, dass Frau M. dem Herrn B. ein „Barbecue“ vorsetzte, also Texanisches im Quadrat. B. wird die Geste in Crawford erwidern, indem er M. Bratkartoffeln, die Nationalspeise von Meck-Pomm, serviert.

Mit ihren SS 20 konnte die Sowjetunion den Westen nicht beeindrucken. Kann Putin es nun mit seinen Energiereserven?

Das Einschüchterungsmanöver gelang nicht, weil die Nato mit den präziseren Pershing II und den unabwehrbaren Marschflugkörpern nachrüsten konnte. Heute ist Europa, energiemäßig, der Junkie und Russland der Haupt-Dealer (neben Arabien und Afrika). Den Pusher muss man pfleglich behandeln, solange er den Markt kontrolliert. Es hilft nix: Europa muss weg von der meterdicken Nadel namens „Pipeline“. Vergesst Geopolitik, die Devise ist nun GGP – Grüne Geopolitik.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik ...

Das war doch ganz hübsch, wie Merkel den Schröder-Freund Putin wie auch den Großpolitiker Chirac an die Wand spielte, indem sie vor dem Petersburger Fototermin den George W. in die meckpommersche Weite einlud und ihn mit einem Fass Hering zu den Russen schickte. Innenpolitisch gibt M. den Meister des Ungefähren, im Äußeren macht sie’s so virtuos wie Rudi Carrell in seiner „Tagesshow“.

Der Autor ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: clw.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben