Politik : Was macht die Welt?

Auch wenn die Waffen schweigen: Das Pulverfass bleibt

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Fast fünf Jahre nach 9/11 vereitelte die Londoner Polizei einen „Massenmord unvorstellbaren Ausmaßes“. Müssen wir uns mit solchen Bedrohungen abfinden?

Es gibt keine Zauberwaffe gegen Terroristen, die aus unserer Mitte kommen und angreifen, wo wir am verwundbarsten sind. Die Asymmetrie ist eine doppelte. Die eine: minimaler Einsatz, massenmörderischer „Gewinn“, weil eine entwickelte Gesellschaft nicht darauf verzichten kann, Menschenmengen in „Behältern“ zu konzentrieren: Hochhäusern, Flugzeugen, Zügen. Die andere: Der islamistische Terror kennt keine moralischen Skrupel, derweil die Demokratie bei der Abwehr stets enge Grenzen respektieren muss. Aber hinnehmen muss sie ihn nicht: Die glänzende Zusammenarbeit der Dienste hat immerhin den Tod von Tausenden vereitelt – und das mit erstaunlich geringer Beschädigung der Freiheitsrechte unserer Bürger, auch der muslimischen.

Ab heute früh sollen die Waffen im Libanon schweigen. Was kommt danach?

Die UN-Resolution sieht eine Truppe von 15 000 Mann vor, die im Südlibanon a) der libanesischen Armee den Weg bereiten und b) die Hisbollah von Angriffen auf Israel abhalten soll. Nur eines ist halbwegs klar: Im Gegensatz zur landläufigen Lesart ist die Hisbollah schwer angeschlagen – auch politisch, weil die Wut der Libanesen auf sie wächst. Ihr Chef Nasrallah versteckte schon am 4. August einen Hilferuf in seinen Hasstiraden – die arabischen Brüder mögen doch in Washington einen Waffenstillstand erwirken. Alle anderen Faktoren sind aber gleich geblieben: Die Hegemonialambitionen der Iraner, der syrische Drang, seine Kontrolle über den Libanon wieder herzustellen. Schließlich: Niemand wird Hisbollah zu entwaffnen wagen. Kurz: Die Lunte ist verlängert worden, doch das Pulverfass bleibt wohlgefüllt.

Irakkriegsbefürworter Joe Lieberman ist in den Senatsvorwahlen gescheitert. Rücken die US-Demokraten jetzt nach links?

Mag sein. Das Problem der Demokraten ist, dass sie das Weiße Haus 2008 nur erobern können, wenn sie nicht in die Hände der Linken fallen; in Amerika, wie anderswo im Westen, werden Wahlen immer in der Mitte gewonnen. Jedes Terrorkomplott, ob vollzogen oder vereitelt, wird die Linke schwächen. Keiner versteht das besser als Hillary Clinton, die nach der Kandidatenkrone greift.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik ...

Ein Lob dem Außenminister Steinmeier, der uneitel und diskret diplomatische Kärrnerarbeit in Nahost leistet – und auch die deutsche Chance nutzt. Denn nur Berlin und Washington genießen Glaubwürdigkeit auf beiden Seiten, doch hält sich Amerika zurück und überlässt so den Deutschen einen Teil des Feldes. Das Spiel funktioniert so gut, weil die Deutschen nicht den Fehler der Franzosen machen, im Zweifel gegen Amerika zu taktieren.

Der Autor ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mos/SB.

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