Politik : Was macht die Welt?

Dem Libanon droht ein neuer Krieg, und Berlin setzt Grenzen

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Der Waffenstillstand im Libanon ist eine Woche alt, aber die Welt lässt sich weiter Zeit bei der Entsendung von neuen UN-Truppen. Spielt das der Hisbollah in die Hände?

Die Kritiker der Friedenstruppe behalten recht. Eine solche kann den Frieden nur gewährleisten, wenn der schon gewährleistet ist. Deshalb redet Paris nur noch von 200 und nicht mehr von 5000 Soldaten, deshalb wollen die meisten nur Kriegsschiffe entsenden, die in sicherer Distanz kreuzen. Dazu bemerkt die FAZ ironisch: „Bald könnte es (dort) so gedrängt zugehen, wie 1944 vor der Normandie.“ Mithin kann Hisbollah in aller Ruhe ihre Raketenarsenale wieder auffüllen, mithin die Horrorvorstellung: Nach dem Krieg ist vor dem Krieg.

In der letzten Woche starben etwa so viele Menschen bei Gefechten in Sri Lanka wie im ganzen Libanonkrieg. Auch ein Fall für UN-Friedenstruppen?

Natürlich, aber was geht uns Sri Lanka an – oder Darfur oder Ruanda oder (bis es zu spät war) Srebrenica? Das moralische Empfinden der Welt ist selektiv, und wir werden auch keine Truppe nach Tschetschenien – also gegen eine Großmacht – entsenden. Auch keine Truppe, die den Frieden im Libanon erkämpfen würde. Aber wir wollen den Hochsitz der Moral nicht überstrapazieren, sondern müssen genau überdenken, wie viele eigene Tote uns das Gute wert ist – und ob wir überhaupt eine Chance haben, das Gute zu vertretbaren Kosten zu erwirken.

Polen hat sich während der orangenen Revolution in der Ukraine als wichtiger Akteur in der EU gezeigt. Nun isoliert sich die neue Regierung von Europa. Verspielt Polen so sein außenpolitisches Ansehen?

Ja, leider. Die Kaczynski-Brüder machen in Nationalstolz und bedienen so die weniger konstruktiven Kräfte der polnischen Innenpolitik. Man möchte ihnen zurufen: „Ihr seid ein großes Volk und habt das nicht nötig.“ Anderseits ist deren Selbstisolierung gut für Deutschland: Hält sie an, werden noch mehr Top-Fußballer aus Polska zu uns kommen, und dann gewinnen wir garantiert die WM 2010.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik …

Außenminister Steinmeier hat etwas sehr „Undeutsches“ getan, als er seine Syrienreise kurzerhand absagte, nachdem der Damaszener Diktator eine ebenso blutrünstige wie provokative Rede gehalten hatte. Früher hätte die klassische Entspannungsrhetorik gegolten: „Jetzt erst recht miteinander reden“, „das war doch für den Binnenkonsum gedacht“, „den Gegnern der Verständigung nicht in die Hände arbeiten“. Steinmeier hat erkannt, dass auch der beste Wille nicht den bösen aufwiegt, dass er sich von Assad hätte vorführen lassen, wenn er trotzdem gefahren wäre. Gute Diplomatie hat auch mit Grenzen ziehen zu tun, mit „Nein“ sagen. Das fördert den Respekt – und stärkt die Verhandlungsposition in der nächsten Runde.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: clw

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