Politik : Was macht die Welt?

Subtile Politik stören, Ölclaims abstecken und Damaszener Ironie lauschen

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Der Zentralrat der Juden kritisiert Heidemarie Wieczorek-Zeul dafür, dass sie den Einsatz von Streubomben im Libanonkrieg kritisiert hat. Ist die Entwicklungshilfeministerin eine Antisemitin?

Antisemitismus ist heute in Deutschland so stark tabuisiert, dass derlei Bezichtigung als duellwürdige Beleidigung gilt. Überdies hat der Zentralrat sie nicht als „Antisemitin“ tituliert. Aber „man wird doch wohl mal sagen dürfen“, um eine vertraute Formel aufzugreifen, dass die reflexhafte Verdammung Israels nicht ganz, äh, koscher ist. Frau W-Z hätte an moralischer Statur gewonnen, wenn sie nicht ganz so einäugig wäre. Sind Streubomben gemeiner als die Raketenbeschüsse israelischer Städte? Ist es angenehmer, von einer Katjuscha als von einem Bomblet umgebracht zu werden? Dann möge Frau W-Z auch die Rheinmetall geißeln, welche laut TV-Bericht vom Freitag die Hülsen für Streubomben herstellt. Ansonsten muss sie Frau Merkel erklären, warum sie die recht subtile deutsche Nahostpolitik mit ihren Sprüchen zu stören versucht.

Kofi Annan will rund 20 000 Soldaten für Darfur. Wird auch dort Deutschlands Sicherheit verteidigt?

Ach, Darfur. Dort sind nicht Tausende von Journalisten unterwegs wie in Nahost. Überdies ist Sudan das Afrika des 19. Jahrhunderts im Kleinformat, wo sich seinerzeit die Großmächte bemühten, den Kontinent untereinander aufzuteilen. Heute sind z.B. China, Frankreich und Amerika im Sudan unterwegs, um ihre Ölclaims abzustecken. Da könnte eine UN-Truppe nur stören. Setzen wir lieber auf handfeste ökonomische Interessen, plus reichlich Geld für die Lokalpotentaten, um halbwegs Ruhe zu schaffen. Deutsche Sicherheitsinteressen? Es gibt nur humanitäre, leider.

Fünf Jahre 9/11: Hat der Westen die richtigen Konsequenzen aus den Anschlägen gezogen?

Afghanistan, das Al Qaida gesponsert hat, war richtig, Irak war es nicht, weil der Krieg die Kräfte Amerikas und Englands bindet. Richtig ist die enge Zusammenarbeit aller möglichen Geheim- und Polizeidienste, selbst der arabischen – siehe den Tipp der Libanesen, der zur Identifizierung der „Kofferbomber“ geführt hat. Das Ausmaß der Überwachung im Westen? Im Großen und Ganzen tolerabel, weil sie nicht grundsätzlich unsere Freiheiten bedroht.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik …

Die sollte in diesen Tagen genau registrieren, was der Damaszener Diktator sagt: Ja zu einer Friedenstruppe im Libanon, aber wenn die an die Grenze zu Syrien vorstößt, sei das eine Kriegserklärung. Selbstverständlich will er die Waffenlieferungen an die Hisbollah unterbinden, die seit 2000 just aus Syrien kommen. Das ist Ironie vom Feinsten. Mithin: Die deutschen Jungs zur See werden nicht viel zu tun haben, weil die Wiederaufrüstung wie eh und je über den Landweg laufen wird.

Der Autor ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mal.

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