Politik : Was macht die Welt?

Dichter und Denker nachsichtig behandeln und zu früh losrennen

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Sind die Bilder der deutschen Soldaten bloß ein Dumme-Jungen-Streich, oder könnte daraus eine Gefahr für die Bundeswehr in Afghanistan erwachsen?

Da der postmodernen Gesellschaft viele traditionelle Bande des Zusammenhalts abgehen, formiert sie sich gern in der gemeinsamen Empörungsbereitschaft. Die jungen Menschen waren gedanken-, geschmack- und pietätlos. Aber „WmdW“ findet Totenköpfe, die an der Uniform getragen wurden, schlimmer – und tausendmal schlimmer die Millionen von Schädeln, die von Trägern solcher Uniformen überhaupt nicht gedankenlos „produziert“ worden sind. Die Bundeswehr ist Lichtjahre von dieser Vergangenheit entfernt. Und die geschassten jungen Blödlinge werden sich fragen, warum sie nicht ähnlich nachsichtig behandelt werden wie jene Dichter und Denker, die etwa in diesem Alter in die Waffen-SS eingetreten sind. Disziplinierung ist gut, Differenzierung auch.

Amerika half einst, die Berliner Mauer zu stürzen. Nun baut es eine an der Grenze zu Mexiko. Wie lange wird die stehen?

Der Vergleich hinkt und stolpert. Die Berliner Mauer war eine Gefängnismauer, der Zaun zwischen Mexiko und den USA dient dem berechtigten Anliegen, das jeder Staat für sich in Anspruch nimmt, die illegale Einwanderung wenigstens zu bremsen. Er wird so lange stehen, wie der Rio Grande ein gewaltiges Einkommensgefälle markiert – also so lange, wie in Mexiko die Reformbereitschaft und -fähigkeit fehlt, im eigenen Land für Wachstum und Jobs zu sorgen.

Schröder hat seine Autobiografie vorgelegt. Was bleibt von sieben Jahren rot-grüner Außenpolitik?

Zwei Meilensteine: das neue Staatsbürgerschaftsrecht, das Abstand nimmt vom Abstammungsrecht, und die Zwangsarbeiterentschädigung, deren Verweigerung 50 Jahre lang die Bundesrepublik überschattet hat. Weniger bewahrenswert war die Verschiebung der klassischen Balancen deutscher Außenpolitik: zwischen den kontinentaleuropäischen und atlantischen sowie den russischen und westlichen Bindungen. Dieses schiefe Gerüst hat Merkel richtigerweise wieder geradegezogen.

Ein Wort zu Amerika …

Der neue Star der Demokraten, die seit 1980 nur einen erfolgreichen Präsidentschaftskandidaten (Clinton) gekürt haben, heißt Barack Obama, Senator aus Illinois. Bloß hat der drei Probleme: „Ideologie“ (er steht weiter links als John Kerry, der Verlierer 2004), „Jugend“ (er ist 45) und „Hillary Clinton“. Die Senatorin hat sich sehr dezidiert in der Mitte positioniert und soll bereits 70 Millionen Dollar in der Kriegskasse haben. Schließlich: Wer so früh losrennt, kommt selten als Erster durchs Ziel.

Der Autor ist Herausgeber der „Zeit“ und lehrt bis Jahresende an der Stanford University. Fragen: mos

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