Politik : Was macht die Welt?

Russisch Roulette mit der EU – und ein vorsichtiger Oberhirte in der Türkei

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Morgen fährt der Papst in die Türkei. Was ist seine wichtigste Botschaft?

Was sie sein sollte, ist klar: Dialog mit dem Islam ja, aber bitte nicht so, dass dabei Todesdrohungen gegen den Papst ausgestoßen und westliche Botschaften angezündet werden. Vielleicht auch ein bisschen mehr Religionsfreiheit für Christen und andere im „Haus des Islam“. Wahrscheinlicher aber ist es, dass der Papst finassieren wird. Er hat bekanntlich keine Divisionen und muss als Oberhirte dafür sorgen, dass seine Schäfchen nirgendwo in Gefahr geraten.

Polen blockiert ein neues Abkommen zwischen Russland und der EU. Schadet oder nützt das Europa?

Unsere russischen Freunde ziehen das beliebte Spiel auf, das EU und USA aus dem ff beherrschen: die eigenen Produzenten (hier: Fleisch) mit Verweis auf Gesundheitsprobleme zu begünstigen. Ein hochpolitisches Spiel kommt dazu. Schon vor Jahresfrist hat Moskau den Import polnischer Agrarprodukte verboten; das droht ab 1. Januar auch den neuen EU-Mitgliedern Bulgarien und Rumänien, die angeblich kein sauberes Fleisch produzieren. Das Spiel heißt also: die Großen gegen just jene Kleinen aufzuhetzen, die einst zum Sowjetimperium in Europa gehörten. Die EU sollte den störrischen Polen dankbar dafür sein, dass sie sich gegen eine Strategie wehren, die Europa auseinanderzudividieren versucht. Mit dem polnischen Veto im Rücken kann Brüssel dem Machtanspruch Moskaus in den kommenden Verhandlungen besser widerstehen.

Im Libanon wurde schon wieder ein syrienkritischer Minister ermordet. Was tun mit dem großen Nachbarn Syrien?

„WmdW“ hat nie an die syrische Option geglaubt, die derzeit in Washington gehandelt wird. Die USA haben Damaskus 2005 zum Abzug aus dem Libanon gezwungen. Seitdem machen die Syrer ihren Herrschaftsanspruch dort sehr syrisch geltend: Das ist schon der fünfte Mord an libanesischen Politikern, die contra Damaskus agierten. Washington müsste also sehr teuer für eine Annäherung bezahlen: mit der Anerkennung syrischer Oberherrschaft über das kleine Nachbarland. Fazit: No Deal.

Ein Wort zu Amerika...

Wer geglaubt hat, dass der Kongress-Sieg der Demokraten den Abzug aus dem Irak befördern werde, muss seine Hoffnung/Angst jetzt dämpfen. Denn die friedensbeseelte Nancy Pelosi, designierter Speaker des Repräsentantenhauses, hat gerade eine schlimme Niederlage hinnehmen müssen. Die Fraktion hat 149 zu 86 gegen ihren Favoriten, den Kriegsgegner John Murtha, als Chef gestimmt. Mit diesen Demokraten kann Bush gut Kirschen essen.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“ und lehrt bis Jahresende an der Stanford University. Fragen: clw

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