Politik : Was macht die Welt?

Deutschland ist so freundlich zu Fremden wie nie zuvor

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Deutschland übernimmt den Vorsitz bei EU und G8. Was muss geschehen, damit diese Zeit ein Erfolg wird?

Diese Präsidentschaften werden überschätzt. Einmal, weil sechs Monate im Leben der Politik so lang sind wie 24 Stunden im Leben gewisser Fliegen. Zum Zweiten, weil der EU-Präsident mehr Moderator denn Chef ist; die Chefs sind die 25 Staaten, die im Europäischen Rat sitzen und ihre nationalen Interessen verfolgen. Und die G8 haben noch nie geschafft, was ihre Aufgabe ist: die Koordination der Wirtschafts- und Finanzpolitik zwischen den drei großen Blöcken USA, EU und Japan.

In den Palästinensergebieten bekämpfen sich Fatah- und Hamas-Milizen. Kann es einen Sieger geben?

Es sollte einen Sieger geben, und zwar den richtigen: die Fatah. Israel konnte erst ein richtiger Staat werden, nachdem 1949 die Moderaten um Ben Gurion die „Revisionisten“ (die das ganze Land bis zum Jordan wollten) um Begin überwältigt hatten. Fatah hat sich von einer Terror- zu einer Realistentruppe gemausert, die Israel halbwegs akzeptiert. Hamas aber zettelte nach dem Gaza-Abzug der Israelis lieber einen Raketenkrieg an, als einen Staat aufzubauen, was der palästinensischen Sache nicht gerade gedient hat.

Laut einer neuen Studie sind etwa 50 Prozent der Deutschen fremdenfeindlich. Driften wir in finstere Zeiten ab?

„WmdW“ ist manchmal sogar familien- und freundesfeindlich, und er hasst Radfahrer, wenn er im Auto und nicht selber im Sattel sitzt. Trotzdem fährt er weder die einen noch die anderen über den Haufen. Es herrscht also eine große Kluft zwischen dem, was man den Meinungsforschern auf ihre Suggestivfragen antwortet, und dem, was man grundsätzlich tut. Oder so: Es kommt darauf an, wie man den Nächsten behandelt, und nicht, wie heftig man ihn liebt. Abgesehen von den üblichen Dauerhassern, die es in jeder Gesellschaft gibt, ist dieses Deutschland das fremdenfreundlichste, das es je gab. Eine ganz andere Frage ist es, ob Fremde hier auch die richtigen Aufstiegschancen besitzen. Die sind wichtiger für die Integration als Meinungsumfragen.

Ein Wort zu Amerika ...

Die Demokraten liebäugeln mit Barack Obama als Präsidentschaftskandidat – dem schwarzen Senator aus Illinois, der sympathisch und unverbraucht wirkt, dazu noch links, aber nicht verbissen. Und Hillary Clinton, die glaubte, noch bis zum Herbst 07 abwarten zu können, gerät in Zugzwang. Bloß lehrt die amerikanische Wahlkampfgeschichte: Wer so früh startet, kommt nicht unbedingt als Erster durchs Ziel. Der Ausleseprozess, der rund um die Uhr im gleißenden Licht der Öffentlichkeit abläuft, vergrößert gnadenlos jeden Fehltritt, und je länger er dauert, desto grausamer die Überraschungen.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“ und lehrt bis Jahresende an der Stanford University. Fragen: mal.

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