Politik : Was macht die Welt?

Über Deutschland staunen, über Amerika schimpfen

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Nach dem Amoklauf in Blacksburg ruft Europa nach einer Verschärfung der US-Waffengesetze. Der richtige Reflex?

Schön wär’s, wenn es so einfach wäre. Bloß: Wie erklären wir die folgenden Bluttaten? Japan hat eines der strengsten Waffengesetze der Welt, und doch ermordete im Juni 2001 ein gewisser Mamoru Takuma in einer Grundschule nahe Osaka acht Kinder – mit einem Küchenmesser. Im Dezember 1989 stürmt Marc Lepine eine Schule in Montreal und erschießt 14 Frauen. Auch in Kanada wird der Waffenbesitz scharf kontrolliert. In Schottland ermordet im März 1996 ein Amokschütze 16 Kinder in einer Grundschule. Großbritannien ist berühmt für seine strengen Waffengesetze. In Deutschland kann man nicht einmal Munition ohne eine Waffenbesitzkarte kaufen. Und doch erinnert sich jedermann an Erfurt, wo ein Ex-Schüler im April 2002 in seiner alten Schule 16 Menschen umbrachte.

Ab Ende des Jahres will die irakische Regierung alleine für die Sicherheit des Landes verantwortlich sein. Ein kühner Plan?

WmdW hat für solche Fälle folgende Lebensweisheit parat: Wenn du nicht weißt wohin, ist jeder Weg der richtige. Für die Selbstverantwortung spricht zumindest eines: Der Krieg gegen die USA wird von dem Bürgerkrieg (oder den Bürgerkriegen) abgetrennt. Gegen wen auch die Amerikaner gerade schießen, unterstützen sie dergestalt indirekt eine andere Seite. Da die Fronten stets wechseln, machen sie sich so jeden zum Feind und können deshalb die Konflikte nicht lösen; sie maximieren bloß die Gewalt gegen sich selber. Besser, die Lokalis kämpfen untereinander ein halbwegs stabiles Kräftegleichgewicht aus, das wäre der Anfang vom Ende der Binnenkriege. Im Irak, wo bislang die wenigen Sunnis die vielen Schiiten unterjocht haben, wird also noch sehr viel Blut fließen, flankiert von „ethnischen Säuberungen“. Vielleicht werden sie sich alle noch die Amerikaner zurückwünschen.

Deutschlands Wirtschaft wächst in diesem Jahr stärker als die der USA. Wächst damit auch Deutschlands Einfluss?

Mit 2,6 Prozent Wachstum, was vor vierzig Jahren noch als „Stagnation“ galt? Einfluss kommt nicht aus den Statistiken des Bundesamtes, sondern aus der geschickten Diplomatie des Bundeskanzleramtes. Die „Konjunktur“ hilft dabei nur im Sinne einer günstigen Konstellation: Chirac ist out, Blair wird es bald sein, und Bush ist schon heute die lahmste aller Enten. Bleibt nur Merkel, der man freilich zugute halten muss, dass sie diese politische Konjunktur clever zu nutzen versteht.

Ein Wort zum deutschen Außenminister …

Von dem hört man derzeit nicht viel, aber im Englischen heißt es dazu tröstend: „No news is good news.“ Will sagen: Die Ruhe nach dem Kurnaz-Ausschuss lässt vermuten, dass die Sache für Steinmeier ausgestanden ist.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: SB

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