Politik : Was man weiß, was man ahnt

Von Alfons Frese

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Womöglich läuft das so in jedem zweiten Sport- oder Schützenverein. Zum Wohle des Klubs dreht man schon mal das eine oder andere kleinere Ding, vielleicht auch zulasten des Finanzamtes. Und damit die ehrenwerten Herren an der Spitze nicht in Verruf geraten, schauen sie gerne weg, halten sich Augen und Ohren zu. Wenn dereinst die Sache doch auffliegt, können sie sagen: „Wir haben davon nichts gewusst.“ Und im zweiten Satz wird dann zumeist versichert, wie eifrig man die Aufklärung des unappetitlichen Vorgangs betreiben werde.

Das war auch die Strategie des Heinrich von Pierer. Kein Vereinsvorsitzender, sondern viele Jahre Vorstands- und Aufsichtsratschef der Siemens AG mit fast einer halben Million Mitarbeiter in aller Welt. Seit im vergangenen November die ersten Siemens-Büros durchsucht wurden, stand von Pierer unter Erklärungsnotstand. Rund 420 Millionen Euro sollen aus einem System schwarzer Kassen für Bestechung ausgegeben worden sein. Mit weiteren Millionenzahlungen baute sich der Vorstand eine handzahme Arbeitnehmerorganisation als Alternative zur IG Metall auf – auch eine Variante von Korruption.

Er habe von alledem nichts gewusst, sagt von Pierer. Denn zu komplex sei der Konzern, in dem jeden Tag in 190 Ländern zehn Millionen Buchungen stattfinden. Da könne der Vorstand nicht jede Geldbewegung überblicken. Ein Rücktritt kam deshalb bislang nicht infrage und wäre als Fahnenflucht und Schuldeingeständnis verstanden worden. Unvorstellbar für einen Mann, der sich als Bannerträger des Anstands im wilden Kapitalismus versteht.

Als von Pierer 1992 Siemens-Chef wurde, sortierte sich die Welt gerade neu. Auf das Ende des Sozialismus folgten weltweit Liberalisierung, Deregulierung und Privatisierung. Der Kapitalismus kam richtig in Fahrt, das Internet forcierte den Wettbewerb in der globalisierten Marktwirtschaft. Der Weltkonzern Siemens hat dabei gut mitgehalten – auch wegen von Pierer, der frühzeitig die Bedeutung Asiens erkannte. Das Desaster mit der Handysparte und der Ausstieg aus der Kommunikationstechnik haben indes zuletzt das Image arg belastet.

Und doch: Heinrich von Pierer war ein herausragender Vertreter des deutschen Korporatismus, des Interessenausgleichs von Kapital und Arbeit, und der Deutschland AG, des Miteinanders von Industrie, Banken und Politik, mit dem dieses Land sehr lange gut gefahren ist. Von Pierer hat Edmund Stoiber ebenso beraten wie Gerhard Schröder; womöglich wäre er unter einer Wahlsiegerin Angela Merkel in einer kleinen Koalition Minister geworden, sogar als Bundespräsident wurde er gehandelt. Ein Mann, der sich für die Belange des Gemeinwesens einsetzte und dem es nie in den Sinn gekommen wäre, Profit als Maß aller Dinge zu sehen.

Von Pierer hat geglaubt, er sei Teil der Lösung des Korruptionsskandals in seinem Unternehmen. Doch er hat den öffentlichen Druck unterschätzt und war schließlich doch Teil des Problems, wie die nun und allerorten geäußerte Erleichterung über seinen Abgang zeigt. Die subjektiv empfundene Integrität ist das eine, der größte Korruptionsskandal in einem deutschen Unternehmen und die Übernahme von Verantwortung dafür das andere. Der Politikberater von Pierer war in diesem Fall schlecht beraten: Gemessen an seinen eigenen Maßstäben, hätte er viel früher geradestehen müssen für die Verfehlungen seiner Kollegen.

Ob dieses Rücktrittsopfer, so sieht es von Pierer, nun dem Vorstandsvorsitzenden Klaus Kleinfeld hilft, hängt vom weiteren Verlauf der Affäre respektive deren Aufklärung ab. Siemens ist weder aus den Schlagzeilen noch aus der Krise, auch wenn Kleinfeld in der kommenden Woche vermutlich sehr gute Geschäftszahlen vorlegen wird. Von Pierer ist nun weg und verstellt nicht länger den Blick auf seinen Nachfolger Kleinfeld, der beweisen muss, dass er den Riesenladen zusammenzuhalten und das Image zu korrigieren vermag. Eine gigantische Aufgabe in einem Unternehmen mit 475 000 Mitarbeitern, die sich vor allem eines für ihre Zukunft wünschen müssen: saubere Geschäfte.

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