Politik : Was nach der Gewalt kommt

ZWEI JAHRE SPÄTER

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Von Malte Lehming

Amerika ist erschöpft. Seit zwei Jahren lebt das Land mit seiner verwundeten Seele. Gleichzeitig entfaltete die Politik einen Tatendrang, der an Aktionismus grenzte. Auf den Terror des 11. Septembers folgte ein Krieg, dann noch ein Krieg. Inzwischen sind 362 000 USSoldaten in 120 Ländern stationiert. Nebenbei überwarf man sich diplomatisch mit dem Rest der Welt. Kein Preis schien zu hoch, um Kurs halten zu können. Doch Kurs worauf? Das Ziel war einerlei. Sollte das Kolossal-Verbrechen gesühnt, jedes weitere verhindert oder der Funken der Demokratie in der arabischen Welt gezündet werden? Die Antworten auf diese Fragen wechselten. Hauptsache, das Boot dampfte kräftig. Nun hat sich diese Mischung aus Wut und Gestaltungswillen restlos entladen. Zwischen Kabul und Bagdad wurde viel Dampf abgelassen. Müde hängen die Krieger in den Seilen. Die Supermacht wirkt ausgelaugt.

Amerika ist ratlos. Ist das Land in den letzten zwei Jahren wirklich sicherer geworden? Bis heute wird jeden Abend in den Nachrichten der Stand der nationalen Bedrohung bekannt gegeben. Das System hat mehrere Stufen. Kleiner als „signifikant“ war die Gefahr noch nie. Eine riesige neue Behörde, das Amt für Heimatschutz, wurde geschaffen. An Häfen, Flughäfen und öffentlichen Gebäuden patrouilliert ein Heer von Sicherheitskräften. Die Einreisekontrollen wurden verschärft, Bürgerrechte eingeschränkt. Und doch spürt jeder, wie fragil das Leben bleibt. Denn der Einfallsreichtum von Terroristen kennt keine Grenzen. Gegen Selbstmordattentäter, die sich Sprengstoff um den Körper binden, gibt es keinen Schutz. Israelis machen diese leidvolle Erfahrung regelmäßig. Jeder Extremist, der Amerikaner töten will, schafft dies wahrscheinlich irgendwann. Wer ihm nur die Kapazitäten, nicht aber seinen Willen rauben möchte, macht es sich zu leicht.

Amerika muss durchhalten. Es ist auf unabsehbar lange Zeit dazu verdammt, bei der Bekämpfung des Terrorismus die Rolle des Weltpolizisten zu übernehmen. Es will zwar kein Imperium sein, muss es aber doch. Das strapaziert die Kräfte wie die Kassen. Immer weniger Amerikaner verstehen, warum der IrakKrieg nötig war. Fast alle verstehen jedoch, dass es zur Besetzung und zum mühsamen Geschäft des Wiederaufbaus keine Alternative gibt. Der Aktionismus nach dem 11. September war ein Resultat der Wut und Angst. Die Intensität dieser Gefühle hat nachgelassen. Die Bereitschaft zu weiteren Interventionen – in Nordkorea, im Iran – tendiert gegen null. Langsam allerdings dämmert es der Bevölkerung, dass durch zwei Kriege Verantwortlichkeiten entstanden sind, die sich nicht einfach abschütteln lassen.

Amerika öffnet sich. Nach dem 11. September hatte sich das Land abgeschottet. Die Scheuklappen halfen, sich vom übrigen Weltgeschehen nicht ablenken zu lassen. Inzwischen stören sie, weil sie den Blick auf mögliche Partner verstellen. Der Ton, der aus Washington in Richtung UN und Europa dringt, mag immer noch selbstgefällig und fordernd klingen. Aber das täuscht. Wenn das Werk, das aus Wut und Angst begonnen worden war, zum Wohle aller beendet werden soll, müssen die Arme weit ausgebreitet werden. Diese Lektion hat die Bush-Administration schmerzhaft gelernt. Selbstzweifel sind oft der erste Schritt zur psychischen Gesundung. Amerika kann Stärke schöpfen aus seiner Schwäche. Zwei Jahre nach jenem Tag, der Amerika geprägt hat wie kaum ein anderer, schlagen dort einige Gefühle noch manchmal aus. Doch langsam pendeln sie sich ein. Erschöpft, ratlos, zum Durchhalten bereit und sich öffnend rückt uns das Land wieder näher.

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