Politik : Was nicht selbstverständlich ist

VERSCHLEPPTE TOURISTEN

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Von Christoph von Marschall

Als am Sonntagabend die Eilmeldungen kamen: Die Geiseln sind frei! – welche Erleichterung war das. Und welche Freude für ihre Familien, die so lange um ihre Angehörigen zittern mussten. Doch dann konnte die Bundesregierung die frohe Botschaft bis in die späte Nacht nicht bestätigen. Sie bleibt aber zuversichtlich – für heute. Die Hoffnung war über das Wochenende gewachsen. Auffällig viele Medien hatten das nahe gute Ende vermeldet, als könnten sie es herbeischreiben und senden. Die Euphorie wirkte schon fast waghalsig. Zu viel Öffentlichkeit könne die Lösung in letzter Minute verhindern, hatte die Bundesregierung gewarnt. Die Entführer seien misstrauisch und könnten die Übergabe der Geiseln platzen lassen, wenn zu viele Details bekannt werden. Die Verantwortung für so ein Scheitern darf doch niemand auf sich laden. Jede Verlängerung des Martyriums wäre ein Risiko. Eine Geisel, Mutter von zwei Kindern, war jüngst an den Strapazen der Haft gestorben.

Zum verfrühten Optimismus hat die Bundesregierung am Ende das ihre beigetragen. Bereits am Donnerstag äußerte Staatssekretär Chrobog nach seinen Gesprächen in Mali die Zuversicht, „dass wir schon bald eine Lösung erreichen“. Dabei hatte das Kabinett zuvor stets den Wert der selbst auferlegten Schweigepflicht betont – an die sich auch die Familien der Geiseln in bemerkenswerter Weise hielten. Die Nachrichtensperre, so Lehre Nummer eins, ist ein entscheidender Pfeiler im Krisenmanagement.

Mindestens ebenso bedeutsam ist nun die Frage, wie sich eine Wiederholung des Dramas vermeiden lässt. Vorbeugen ist besser als retten, zumal es die Rettung nicht umsonst gibt. Ob Freikauf oder gewaltsame Befreiungsversuche – beides beschwört neue Gefahren herauf. Jeder Zugriff ist mit Risiken für die Gesundheit oder gar das Leben der Geiseln verbunden. Diesmal stand die Option offenbar nie ernsthaft zur Debatte; die Entführer hatten die Verschleppten in kleine Gruppen an verschiedenen Orten aufgeteilt.

Es soll Lösegeld gezahlt worden sein, was Berlin freilich nicht bestätigen will. Geld oder andere Gegenleistungen für die Freilassung retten zwar die Entführten, bringen aber die nächsten Urlauber in Gefahr. In den Ferienregionen dieser Welt gibt es mehr als genug Kriminelle und Rebellen, die gegen Zentralregierungen kämpfen. Eine Regierung, die den Eindruck erweckt, man könne finanzielle oder politische Vorteile erzwingen, indem man Deutsche kidnappt, würde neue Entführungen herausfordern. Lehre Nummer zwei: Der Staat darf sich nicht erpressen lassen. Offenbar verstehen das viele Bürger, jedenfalls spricht sich eine klare Mehrheit gegen Lösegeld aus.

Doch werden die Bürger das auch noch akzeptieren, wenn sie selbst in eine Notlage geraten? Die entscheidende Vorbeugung können nur sie selbst leisten – und sich erst gar nicht in Gefahr begeben. Lehre Nummer drei: Der Staat ist keine Vollkaskoversicherung, auf die jeder zurückgreifen kann, der im Ausland in Not gerät. Zwar muss man bei den jüngsten Entführungen – 2000 den Wallerts, jetzt den Sahara-Geiseln – zugestehen, dass sie wohl nicht mutwillig diese Risiken eingegangen sind; weder für die Tauchinsel der Wallerts noch für die Gräberpiste gab es offizielle Reisewarnungen, als die Verschleppten die Reise antraten. Aber auch diese Entlastung heißt im Grunde, die Verantwortung an den Staat zu delegieren.

In einer freien und individualistischen Gesellschaft liegt die Verantwortung für die Risiken, die mit Reisen verbunden sind, zuerst bei den Bürgern selbst. Diese Gefahren sind zum Teil individuell sehr verschieden. Junge, ungebundene Menschen können andere Risiken eingehen als Väter oder Mütter, auf die kleine Kinder zu Hause warten. Klimatische und körperliche Belastungen, die ein fitter Organismus nicht als Strapaze empfindet, können einen angeschlagenen Kreislauf überfordern. Das wissen die Menschen, auch ohne staatliche Reisewarnung.

Nach den Anschlägen im tunesischen Djerba und auf Bali, nach den Entführungen und zunehmenden politischen Konflikten in manchen Feriengebieten werden die Deutschen lernen müssen, sich umfassender auf Reisen vorzubereiten. In manche schöne Gegend sollte nur fahren, wer die politischen Verhältnisse kennt und die Sprachen spricht. Oder einen örtlichen Führer nimmt. Wer das nicht will, spielt mit seinem Leben.

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