Politik : Was nicht zu lernen ist

ERFURT, EIN JAHR DANACH

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Von Tissy Bruns

Gedenktage verletzen doppelt. Erst recht, wenn ein Jahrestag wie der von Erfurt zu begehen ist, der an das jähe Hereinbrechen der Gewalt und des Bösen erinnert. Sechzehn Menschen, Schüler und Lehrer, ein Polizist, Schutzbedürftige also und ihre Beschützer, mussten sterben, weil ein ehemaliger Gymnasiast Amok lief. Der Täter hat nicht nur den Tod seiner Opfer, den Kummer ihrer Angehörigen, einer Schule und einer Stadt zu verantworten; weil er so jung war, hat er der ganzen Gesellschaft eine offene Schuldfrage hinterlassen. Diese Erinnerungen steigen heute auf. Doch am ersten Gedenktag kommt der zweite Schmerz dazu, der über die Unwiderbringlichkeit. Der Tag führt allen, die individuelles Leid verkraften müssen, vor Augen, dass es niemals wieder so sein kann wie zuvor. Und mit aller Macht stellt sich die quälende Frage, was die Gesellschaft aus Erfurt lernen kann. Es gibt darauf nur eine aufrichtige Antwort: nichts. Nichts jedenfalls, das uns für immer schützt.

Wir stehen vor einem Unvermögen, das eingestanden werden kann, ohne dass wir jemandem die Verantwortung dafür zuweisen müssen. Dagegen sträubt sich unser Denken und Fühlen. Als aufgeklärte Kenner von Struktur und Seelenverhältnissen halten wir uns daran, dass alles beherrschbar ist – und wenn nicht, findet sich eine Adresse, der ein Versagen zugewiesen wird. Das ist praktisch und lebensklug. Wir müssen uns im Normalfall keine Rechenschaft darüber ablegen, ob wir mit dieser Haltung nicht auch vieles verdrängen. Wer immer ganz und gar in die Tiefe aller Dinge vordringen will, zählt selten zu den Lebenstüchtigen. Doch wenn Tod, Gewalt, Verbrechen die Gemeinschaft so überfallen wie vor einem Jahr in Erfurt, dann müssen nicht nur die individuell Trauernden, dann muss die Gesellschaft in tiefe Schichten schauen. Schon, um ein lebenstüchtiger Helfer für die sein zu können, die unmittelbare Opfer geworden sind – oder es werden könnten.

Doch nichts und niemand kann die Tat des 19-Jährigen wirklich erklären, denn kein Versagen von Eltern, Lehrern, Schulpolitik, Medien und Gesellschaft führt zwangsläufig in einen blutigen Amoklauf. Wir können den toten Robert Steinhäuser nicht „ent“schuldigen. In dem Bedürfnis, eine schlüssige Erklärung für seine Tat zu finden, steckt nicht nur das anständige Motiv einer zivilen Gesellschaft, die einem so jungen Menschen das Böse nicht zurechnen mag. Der Wunsch, Ursachen und Gründe bei kollektiven Instanzen zu suchen, ist auch der Versuch, die Schuld und mit ihr die Tat zu anonymisieren – die doch Namen von Täter und Opfern trägt.

Da bleibt etwas, das wir nicht verstehen, begreifen, fassen – und vor allem nicht ändern können. Erst die Einsicht in das Unvermögen, das Wichtigste nicht erklären zu können, ermöglicht der Gesellschaft, aus Erfurt das Lernbare zu lernen. Viele Jugendliche hatten in den Tagen nach Erfurt das Gefühl, zu künftigen Amokläufern gestempelt zu werden, denn fast alle greifen zu Computerspielen, denen ihre Erzieher ratlos gegenüberstehen. Viele Eltern sind in schlimme Ängste geraten, denn wer weiß wirklich, wie die Teenager-Kinder ihren Tag verbringen. Kein Lehrer, der sich ohnehin von der Gesellschaft negativ gestempelt sieht, kann Erfolgsgarantien für die Strategien zur friedlichen Konfliktbewältigung geben.

Das Lernbare zeigt sich im Mitleiden, das den Eltern, Lehrern, Schülern des Gutemberg-Gymnasiums vor einem Jahr und heute aus der ganzen Gesellschaft entgegengeströmt ist. Und über den Tag und den Anlass hinaus in der Bereitschaft, die Isolation zu überwinden, in die die Heranwachsenden und ihre Erzieher in der Gesellschaft geraten sind.

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