Politik : Was nie Geschichte wird

Von Hermann Rudolph

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Es gibt Entschuldigungen, die nichts besser machen. Von dieser Art sind, leider, die Erklärungen, die Hermann Schäfer, Ministerialdirektor beim Kulturstaatsminister, nach dem Eklat abgegeben hat, den er mit seiner Rede in Weimar ausgelöst hat. Sie haben vielmehr die Zweifel verstärkt, ob der renommierte Museumsmann in diesem politischen Amt am rechten Platze ist. Sie haben auch die Befürchtungen und Verdächtigungen nicht ausgeräumt, die er auf den Plan gerufen hat. Offenbar ist dem Mann, der in dieser Regierung für Einlassungen zu diesen Themen zuständig ist, gar nicht klar, auf welch dünnem Eis er da eingebrochen ist.

Dabei spricht nichts dafür, dass er mit dem unglücklichen Auftritt eine Revision des Geschichtskonsensus einleiten wollte. Der gewöhnliche Amtsbetrieb mit seiner routinehaften Gedankenlosigkeiten reicht – versetzt mit professoraler Umständlichkeit – als Erklärung dafür völlig aus. Das Ärgernis besteht in Schäfers bestürzendem Mangel an Sensibilität, nicht nur in Bezug auf die konkrete Situation, in der er sprach, sondern auf die geschichtspolitische Lage insgesamt. Gewiss ist der Wandel unseres Geschichtsbildes in den letzten ein, zwei Jahrzehnten – seit Wehrmachtsausstellung und Walser-Bubis-Streit, seit Grass’ Krebsgang-Novelle und Friedrichs Buch über den Bombenkrieg – ein wichtiger Schritt für diese Republik. Aber man darf die Augen nicht davor verschließen, dass darüber immer noch der Schatten des Verdachts liegt, es handle sich vielleicht doch nur um einen Schleichweg zur Revision bewährter Positionen.

Nicht wenige haben das immer so gesehen. Sie haben in der neuen Erinnerung an Vertreibung und Bombennächte nicht das Bedürfnis gesehen, die ganze deutsche Geschichte anzunehmen, sondern einen Weg, ihr im Schutz der Opferrolle endlich doch zu entkommen. Andererseits gibt es nach wie vor nicht wenige, die diesen Blick zurück ziemlich genau so verstehen – hanebüchene Leserbriefe belegen das ebenso wie der rechthaberische Unterton mancher öffentlicher Äußerungen. Überhaupt kommt eine ernsthafte Debatte an dem Zweifel nicht vorbei, ob die viel gerühmte deutsche Erinnerungskultur nicht am Ende auf eine fromme Selbsttäuschung hinausläuft. Die Möglichkeit eines „Gezeitenwechsels im Gedenken der Bundesrepublik“ treibt selbst den klugen Salomon Korn, den Vizepräsidenten des Zentralkomitees der Juden in Deutschland, um.

Dennoch: Nicht der gewonnene geschichtspolitische Konsensus kippt. Sondern der Umgang mit unserer Geschichte ist – und bleibt – eine kipplige Sache, weil sie eine fortdauernde Herausforderung für Denken und Fühlen bedeutet. Deshalb kann man, um beim leidigen Fall zu bleiben, nicht über die Vertreibung sprechen, wenn man über Buchenwald schweigt. Und die Genugtuung, dass man endlich „sachlich und unaufgeregt“ über die heiklen Themen der deutschen Vergangenheit handeln könne, wird peinlich, wenn sie allzu selbstgerecht daherkommt, weil von ihr überhaupt nur mit Empathie und Trauer die Rede sein kann.

Insofern trifft der Eklat die Bundesrepublik an einer hochempfindlichen Stelle ihres Selbstverständnisses. Denn es ist ja ein Gewinn, dass die Deutschen nicht mehr auf das „Dritte Reich“ fixiert sind wie das Kaninchen auf die Schlange. Dass sie seine Schrecken und den mit ihm verbundenen Zivilisationsbruch nicht relativieren, aber den blinden Flecken und den Blockierungen halbwegs entkommen sind, die daraus für den Blick auf das Ganze ihrer Geschichte erwuchsen. Dass die Vertriebenen, um den Fall der umstrittenen Ausstellung zu nehmen, ihr Schicksal nicht leidensstolz vorzeigen, sondern es in den Katastrophenkranz der europäischen Vertreibungen stellen. Und ist es nicht ein Fortschritt, dass sich die Ressentiments, die es zweifellos gibt, zuvörderst im Gästebuch niederschlagen?

Die Entkrampfung des Verhältnisses zu unserer Geschichte ist selbst eine schwierige Sache. Sie braucht ein beständiges, problemwaches Justieren ihrer Widersprüche. Wo das nicht geschieht, dementiert sie sich selbst.

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