Politik : Was Politik bedeutet

Eine Laudatio auf Johannes Rau zum 75. Geburtstag / Von Matthias Platzeck

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Johannes Rau hat mich immer begleitet, seit wir uns das erste Mal zu Beginn des Jahres 1990 in der nordrhein-westfälischen Landesvertretung in Bonn auf seine Einladung trafen. Er wusste ja vom Engagement unseres Potsdamer Kreises in der Umweltbewegung der DDR. Bei uns war er bekannt, weil er lange vor dem Fall der Mauer schon in den Osten kam und weil ihm die Überwindung der deutschen Teilung eine Herzenssache war.

Unser Gespräch fand statt zu einer Zeit, als wenige Wochen nach dem Fall der Mauer alle scheinbaren Gewissheiten in Fluss gerieten. Die DDR löste sich auf. Die Wiedervereinigung stand auf der politischen Tagesordnung. Johannes Rau, das teilte er mit Willy Brandt, hatte diese Einheit niemals aus dem Blick verloren. Als wir uns trafen, war er schlichtweg ein glücklicher Mensch. Er begegnete mir, dem um 20 Jahre Jüngeren, sehr respektvoll und aufmerksam, so gar nicht wie einer, der es besser weiß. Aber natürlich konnte gerade er, der mit der SPD in Nordrhein-Westfalen absolute Mehrheiten errungen hatte, grundlegende Einsichten vermitteln – etwa, dass Politik auch die Entschlossenheit zur Regierungsverantwortung bedeutet.

In den kommenden Monaten des Jahres 1990 war er immer wieder im Osten Deutschlands unterwegs. Dabei ließ er sich von dem einmaligen, bewegenden Erlebnis der gewonnenen Freiheit überwältigen. „Hannes Rau, Hannes Rau!“, riefen die Menschen im Osten ihm zu, und er trat vor sie hin und redete offen von den bevorstehenden Schwierigkeiten: Es werde „ein sehr steiniger Weg“. Er schlug die leisen Töne an, ohne Triumph oder nationale Sprücheklopferei. „Ich bin hier nur Gast“, sagte er, „aber ich hoffe, dass ich ein bisschen helfen kann.“ Wieder lernte ich etwas von ihm. Verantwortung heißt regieren wollen und nicht davonlaufen, aber eben nicht unter Preisgabe der Aufrichtigkeit. Er weckte keine Illusionen, sondern sagte Mühe, Schweiß und Anstrengung voraus, die der Aufbau Ost uns abverlangen würde.

Er hat dann tatkräftig dabei geholfen, diese Anstrengungen zu schultern. Unvergessen ist die Partnerschaft des Landes Nordrhein-Westfalen beim Aufbau von Verwaltung und Rechtsprechung Brandenburgs. Das kostete Geld, vor allem aber war es praktische Hilfe ohne Überlegenheitsgestus.

All das entwickelte sich mit Konsequenz aus seinen politischen Grundhaltungen. Er bewunderte den prinzipientreuen Gustav Heinemann, der 1969 der erste sozialdemokratische Präsident in Deutschland seit Friedrich Ebert wurde. Beide waren fest im christlichen Glauben verwurzelt und enge Weggefährten. Drei Jahrzehnte später trat Johannes Rau selbst als Bundespräsident unseres geeinten Deutschlands an. Ja, er war wie kein anderer vor ihm ein „Bürgerpräsident“. In seinen Reden erkannte ich die Menschlichkeit, die Eindringlichkeit und den Nachdruck wieder, mit denen er mir 1990 begegnet war.

Im Februar 2000 sprach er als erstes deutsches Staatsoberhaupt vor der Knesset in Jerusalem. Das kam ihm zu. Er ist ein erwiesener Freund Israels und ein unermüdlicher Förderer von Friedensgesprächen in Nahost. Er redete auf Deutsch, was einige israelische Politiker veranlasste, dem Sitzungssaal fernzubleiben. Er bat im Namen der Deutschen um Vergebung für die Verbrechen an den Juden Europas. Und er warb um eine gemeinsame Zukunft. Da kamen diejenigen, die vom Foyer aus zugehört hatten, nach und nach in den Saal zurück. Johannes Rau hatte Vertrauen gewonnen.

Nach den Terroranschlägen vom 11. September des folgenden Jahres versicherte er die USA unserer Solidarität. Dabei unterstrich er das dringende Interesse der Menschen an einer Politik des globalen Ausgleichs und der Entwicklung. „Wer in Würde und Zuversicht lebt“, sagte er, „aus dem wird kaum ein Selbstmordattentäter werden.“

Johannes Rau zählt zu den großartigen Menschen, auf die unsere Sozialdemokratie stolz sein kann. Wir als Sozialdemokraten sind dankbar, ihn bei uns zu haben.

Der Autor ist Vorsitzender der SPD und Ministerpräsident des Landes Brandenburg.

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