Politik : Was stoppt die Plage? (Leitartikel)

Christoph von Marschall

Seit fünf Tagen ist ein indisches Flugzeug in der Hand islamischer Terroristen. Die Bilder aus dem afghanischen Kandahar wecken Erinnerungen an den deutschen Herbst 1977, an die Entführung der "Landshut" und die Befreiung in Mogadischu. Damals stand die Bundesrepublik im Bann des RAF-Terrors. Überall im Westen fürchtete man zudem PLO-Anschläge. Aber neben dieser importierten Gewalt hatte Europa heimischen Terrorismus: Nordirland, Baskenland, Korsika, dazu bis in die neunziger Jahre den Kleinterror linksradikaler Splittergruppen und rechtsradikaler Briefbomben-Attentate.

Die Bedrohung ist verschwunden, fast unbemerkt. Die Ermordung des Treuhand-Chefs Rohwedder 1991 war der letzte große Anschlag in Deutschland, seither erinnern nur Verhaftungen von Ex-Terroristen - oder tödlich endende Zugriffe wie in Bad Kleinen 1993 - an die bleierne Zeit. In ganz Europa scheint der Terrorismus besiegt zu sein. In Nordirland, Spanien und Korsika schworen die Befreiungsbewegungen der Gewalt ab. Zwar gab es Rückschläge, aber sie konnten die Befriedung nicht stoppen: Die Bombe im irischen Omagh 1998 mobilisierte selbst Bevölkerungsgruppen zu Friedensdemonstrationen, die zuvor ängstlich geschwiegen hatten. Und als jetzt in Spanien die baskische ETA die Waffenruhe aufkündigte, gingen Hunderttausende auf die Straße.

Entlarvt die Flugzeugentführung in Indien diese Sicht als Illusion? Oder ist sie eine Warnung, dass der Terrorismus sich nur verlagert hat? Ganz verschwunden aus den westlichen Industriestaaten ist er ohnehin nicht. An die Stelle der Freiheitskämpfe sind andere Motive getreten: religiöse oder die Leugnung jeder staatlichen Autorität. Das belegen in den USA der Terror des Una-Bombers oder das Attentat im Olympia-Park von Atlanta und in Japan der Giftgas-Anschlag einer Sekte auf die Tokioter U-Bahn. Die Frage ist, ob es Faktoren gibt, die den Kampf gegen den Terrorismus begünstigen, ob Politik also vorbeugen kann.

Nirgendwo ist Terror allein durch gutes Zureden beendet worden, doch ohne politischen Dialog auch nicht. Daher der besonders in Israel immer wieder zitierte Ratschlag: den Terrorismus unbarmherzig bekämpfen, als ob es keinen Friedensprozess gebe, und den Friedensprozess vorantreiben, als ob es keinen Terrorismus gebe. In Nordirland und in Spanien, wo der baskische Kampf unter der Franco-Diktatur so grausame Züge angenommen hatte, ermöglichten Demokratisierung und Föderalisierung den Dialog. Als Verhandlungspartner mussten dann aber selbst Terroristen oder Politiker, die tödliche Anschläge gerechfertigt hatten, akzeptiert werden. Gesten wie die zuvor verweigerte Zusammenlegung von Gefangenen nahmen vielen Vorwürfen der ETA die Überzeugungskraft. Das alles jedoch hätte wohl kaum gereicht, wenn nicht der wirtschaftliche Aufschwung hinzugekommen wäre. Er nahm dem Terrorismus die soziale Basis.

Demokratische Teilhabe und ökonomischer Erfolg - das sind Voraussetzungen, die sich weder auf Kaschmir noch auf Tschetschenien übertragen lassen. Im Westen hat es Jahrzehnte gedauert, bis eine starke Zivilgesellschaft entstand. Sekten oder fanatische Weltverbesserer sind gegen diese Form der Befriedung immun. Und doch hat die Politik zumindest in Westeuropa dem Terrorismus die Grundlage entziehen können - ein Modell, das Hoffnung macht.

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