Politik : Was vom Tage übrig bleibt

Von Stephan-Andreas Casdorff

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Zwei Kanzler in Deutschland? Jetzt wollen wir mal die Kirche im Dorf lassen, würde der entfesselte Schröder sagen. Darin, in diesem Punkt, hat er Recht: Es kann nur einen geben. Es muss aber auch einen geben. Deshalb bleibt ihm und den anderen nur, tief durchzuatmen, sich zu beruhigen, sich selbst und andere, und dann genau zu schauen, was übrig bleibt. Ja, was bleibt uns allen auch übrig, nach diesem Wahlausgang.

So viele Scherben. Schröder, gestützt von Müntefering, hat seinen Machtanspruch erklärt – er als der Volkskanzler. Wilhelminisch ist er darin, unheimlich. Er hat in einer Art und Weise seinen Anspruch deutlich gemacht, dass den anderen die Spucke wegbleibt; bis auf Westerwelle am Sonntag, obwohl der für ihn nicht der Gegner war. Den hat er aber mit Missachtung behandelt und damit zugleich eine Option zerdeppert: die Ampel. Wer so redet wie Schröder, wer so mit einem redet, der in der Wahl gewonnen hat und den er gewinnen will, um die Macht wieder zu erlangen, der darf die Fasson und das Maß nicht verlieren. Was menschlich verständlich sein mag, nach diesem WahlKampf, war politisch töricht. Ein Opfer des Augenblicks: Westerwelles Antwort ist klar und hart. Jetzt müsste die FDP ihn schon als Parteivorsitzenden abräumen, um in eine Koalition mit der SPD zu kommen. Ist das wahrscheinlich, nach der einstimmigen Ablehnung auf dem FDP-Parteitag, im Parteipräsidium?

Und dann: Fischer. Schröder hat auch ihn gerempelt, verprellt, ihn geradezu erst dazu gebracht zu sagen, dass die Grünen mit allen über Koalitionen reden werden, auch mit der Union. Mag sein, dass das für Fischer keine Option ist – aber Schröder hätte nicht zeigen dürfen, dass er das weiß, hätte die Situation nicht nutzen dürfen, im Vollgefühl Fischer zu schwächen. Der mag das nicht, und er vermag sich zu wehren.

So ist die Lage: Schröder hat, gemessen an seinen Worten vom 22. Mai, gewonnen wie verloren. Die SPD hat kein unzweideutiges Mandat, weiterzumachen wie bisher. Aber Schröder hat den direkten Vergleich mit Merkel gewonnen, ziemlich eindeutig. Die SPD hat den Norden, Osten und Westen gewonnen, der ist jetzt rot, die Union traditionell den Süden – aber sie ist schwächer dabei geworden. Gewonnen hat Schröder auch, weil Merkel verloren hat. Die Deutschen wollen sie nicht, und Schröder hat dem, wie ein Mann von der Straße, Ausdruck verliehen. Sie waren ihm nicht gewachsen, Merkel und die Union. Vielleicht werden es die nächsten Tage erweisen: Es ging nicht nur um eine Frau, es ging vielen um diese Frau, der man nicht zutraut, Deutschland zu führen.

Darum muss die Union jetzt überlegen. Schröder ist vom Volk eher gewollt, Merkel nicht. Aber die Union ist als Partei noch ein bisschen weniger schwach. Schröder hat, mit seiner Demonstration von Stärke, den Preis für eine Koalition der Großen, die beide kleiner geworden sind, festgelegt. Sie, Merkel, muss weichen, dann könnte auch er gehen. Dann kämen die Parteien auch eher zusammen. Es wäre, nach außen, ein kleiner Sieg Merkels: Sie hätte erreicht, dass er weg ist, und die Union stellte den Kanzler. Es wäre aber auch ein Sieg, den Schröder für sich reklamieren könnte. Merkel würde nicht Kanzlerin, und er opfert sich für den Staat und nebenbei seine Partei, damit es eine stabile Regierung gibt, die seinen Kurs fortsetzt. Er, den der Souverän will, der Wähler. So erklärte sich dann die herrische Geste, die Staatsmannspose, diese Mischung aus Brandt und Schmidt, die er auf der politischen Bühne darstellt. Bei allen Nebenaspekten, sehr persönlichen, wäre das auch ein Kalkül, ein frontales. Und es würde ein großer Abgang.

Nur ist es zurzeit noch ganz anders. Noch will Schröder Kanzler bleiben. Noch will er nicht die große Koalition, sondern die große Kollision. Soll die Merkel doch sehen, wo sie bleibt, er hat sie weggeputzt. Soll die SPD stehen, wo er ist, er lässt sie nicht gehen, er will es ja auch nicht, will nicht weggeräumt werden. Noch will er die Union auf die Knie zwingen. Und gegen ihn gibt es mit der SPD keine Koalition, mit keinem. Noch.

Mal sehen, was vom Tage übrig bleibt.

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