Was wäre, wenn? : Osama bin Laden vor Gericht

Al-Qaida-Chef Osama bin Laden ist am 2. Mai erschossen worden. Was wäre gewesen, wenn er verhaftet worden wäre - und sich vor Gericht hätte verantworten müssen? Eine Satire.

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Fotos: dpa (2); Montage: Tsp
Fotos: dpa (2); Montage: TspFoto: dpa/dpaweb



2. MAI 2011

PAKISTAN

Im Luftkurort Abbottabad dringen Navy- Seals der US-Armee unangekündigt per Helikopter in eine Villa ein, entwaffnen ein Dutzend schlafender Leibwächter und nehmen den von Interpol gesuchten, mutmaßlichen Terroristen Osama bin Mohammad bin Awad bin Laden fest. Der 54-Jährige wird belehrt, dass es sein Recht sei, zu schweigen, dass alles, was er sagt, gegen ihn verwendet werden kann, und er einen Anwalt anrufen kann. Bin Laden wirkt verschreckt, zeigt sich aber kooperativ. Unter Aufsicht der Spezialeinheit packt er Ausweis, Wäsche und Zahnbürste ein. Seine drei Ehefrauen erinnern ihn an seine blutdrucksenkenden Dragees, die von den Navy-Seals in eine Kühltasche verfrachtet werden. Bin Laden verabschiedet sich von Frauen, Kindern und den Leibwächtern. Über Kabul geht es per Militärmaschine nach Ankara. Beim Nato-Partner soll eine medizinische Untersuchung des Häftlings erfolgen.

3. MAI 2011

ANKARA/NEW YORK

Per Twitter und Internet verbreitet sich die Kunde der Festnahme noch während des Flugtransports. In Pakistan, der Türkei und Staaten des Mittleren Ostens werden Proteste laut. Ankara wehrt ab: „Obwohl wir den Terror verdammen, sehen wir uns außerstande, den durch Eindringen auf fremdes Territorium illegal festgenommenen bin Laden unser Staatsgebiet betreten zu lassen. Wir bitten die alliierten Partner um Verständnis.“ Erlaubnis zum Auftanken der Transall-Maschine und die Genehmigung, ein Ärzteteam an Bord zu lassen, werden gegeben. Heftige Debatten auf allen Kanälen internationaler Medien beginnen. War diese Festnahme illegal? Durfte man bin Laden so einfach fortschaffen? Was haben die USA zu verbergen?

4. MAI 2011

WASHINGTON

Bin Laden wird in den USA dem Haftrichter vorgeführt und in den Hochsicherheitstrakt einer Untersuchungshaftanstalt eingeliefert, deren Lage geheim bleibt. Es blühen die Spekulationen um den Aufenthaltsort. Human Rights Watch und Amnesty International beantragen, unverzüglich den Inhaftierten besuchen zu dürfen. „Wir sind in großer Sorge um das Wohl des Angeklagten“, sagt ein Menschenrechtsaktivist auf CNN und Al Dschasira. „Auch für ihn müssen die Menschenrechte gelten!“

6. MAI 2011

NEW YORK

New Yorks Staatsanwaltschaft beantragt, bin Laden vor ein Gericht an den Ort seines schwersten, mutmaßlichen Verbrechens zu transferieren, die Stadt der Attacke auf das World Trade Center vom 11.9.2001 mit 3000 Toten und 6000 Verletzten.

7. MAI 2011 – 12. JUNI 2011

GLOBUS

Westliche und arabische Medien rufen nach der Einrichtung eines Ad-hoc-Tribunals durch den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Saudi-Arabien fordert von den USA die Auslieferung seines Staatsbürgers, die Scharia müsse respektiert werden. Das provoziert Proteste in westlichen Nationen. Pakistans Staatschef erklärt, da sich bin Laden auf seinem Territorium aufgehalten hatte, solle Islamabad prüfen dürfen, wie zu verfahren sei. Die USA zeigen sich harthörig. Aufgebrachte Massen in Lahore, Islamabad und Kabul randalieren, es gibt Tote und Verletzte. Die Taliban versenden empörte Kommuniqués gegen die „Entführung des erleuchteten Bruders Osama“ und schwören Rache. Auf den Straßen amerikanischer Großstädte demonstrieren Menschenmassen, darunter Hinterbliebene von Nine-Eleven-Opfern, für einen Prozess in New York.

Osama bin Laden ist tot
Osama bin Laden wurde damals in seinem Versteck in Pakistan überrascht.Weitere Bilder anzeigen
1 von 49Foto: dapd
02.05.2012 11:18Osama bin Laden wurde damals in seinem Versteck in Pakistan überrascht.

14 MAI 2011

MADRID/LONDON/DELHI/ISLAMABAD

In Spanien fordern Überlebende der Al- Qaida-Attentate auf Pendlerzüge im März 2004 (191 Tote und 2051 Verletzte) ein Verfahren in Madrid. Opfer des Attentats auf die Londoner U-Bahn vom Juli 2005 (56 Tote, 700 Verletzte) fordern dasselbe für ihr Land. Indien beansprucht Mitsprache beim Verfahren, da man die Weltmacht, Nachbar von Pakistan, nicht übergehen dürfe. Pakistan erklärt den Anspruch für nichtig. Wochenlange Debatten folgen. Dutzende Völkerrechtler profilieren sich mit Positionen zu einem internationalen Bin-Laden-Tribunal.

14. JUNI 2011

WASHINGTON

Unbeirrt erklären die USA, dass sie ein Verfahren nach den Regeln des Militärrechts gegen bin Laden eröffnen werden. Es werde bereits mit Nachdruck an der Einrichtung eines Special US-Military Tribunal for the Trial of Osama bin Laden (SUSMITOBL) gearbeitet. Der Prozess soll in New York stattfinden. Auf die Frage nach dem Grund für Amerikas Entscheidung erklärt eine Sprecherin des Pentagon in Washington: „We got him. We try him.“ Der Ausspruch der Pentagon-Sprecherin wird zum geflügelten Wort, um die typisch kaltschnäuzige Attitüde der Amerikaner zu charakterisieren. Medien, Bloggerszene, Menschenrechtler und Demonstranten kennen kein anderes Thema mehr als den SUSMITOBL, kurz „SUST“ genannt. Die Website von SUST-Watch verzeichnet mehr als 440 000 Clicks pro Tag.

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