Politik : Was weiß Belgrad - wann und warum?

ROBERT VON RIMSCHA

WASHINGTON .Gibt es etwas, was noch geheimer als "top secret" ist? Ja, und das wissen wir sogar ganz offiziell.Senator David Patrick Moynihan aus dem US-Bundesstaat New York hat eine Untersuchungskommission geleitet, die den Fleiß der US-Dienste beim Anlegen von Staatsgeheimnissen kritisiert hat.Am Rande seiner Arbeit sagte Moynihan, es gebe Geheimhaltungsstufen, die so geheim seien, daß selbst ihr Name geheim sei."Also geheimer als top secret?", wurde der Altsenator gefragt."Aber klar doch", antwortete er.

In Brüssel dürfte es zumindest zwei Dinge geben, die derzeit geheimer als geheim sind: Zum einen die Ziele der NATO-Luftangriffe auf Jugoslawien, zum anderen das, was die NATO-eigene Spionageabwehr über mögliche Agenten der Gegenseite im Allerheiligsten der Allianz weiß.

All das ist nach Informationen des US-Fernsehsenders ABC keine Theoriedebatte, sondern Praxis-Notfall.Am Montag abend berichtete ABC, der Sender habe "in einer erschreckenden Entwicklung" Kenntnis davon erhalten, daß die Serben "möglicherweise von Insider-Informationen profitieren".Unter dem Titel: "Spion bei der NATO verrät Ziele an Belgrad" lief die Meldung den ganzen Dienstag über auch durch die deutschen Medien.

ABC bezieht sich auf "US- und NATO-Vertreter", deren Zahl, Rang und Namen nicht genannt werden.Drei verdächtige Frühwarnungen dienen als Beleg, daß es bei der NATO eine undichte Stelle geben könnte: Die Räumung des serbischen Innenministeriums, die Absperrung einer Brücke in Novi Sad durch die Polizei kurz vor einem Angriff und die Räumung einer Kaserne per eiliger Funkbotschaft - nur Minuten vor einem NATO-Angriff.

Nun muß man nicht unbedingt ein Spion sein, um Kriegsziele der NATO zu kennen.Die "Washington Post" hat sie nicht nur richtig erraten, sondern auch publiziert - eine Woche vor dem Luftangriff auf das serbische sowie jugoslawische Innenministerium in Belgrad.US-Verteidigungsminister Cohen ließ seinen Sprecher Bacon deshalb fernsehöffentlich dem Blatt den Vorwurf machen, die Effizienz des NATO-Einsatzes zu schmälern.Denn das Belgrader Innenministerium war natürlich geräumt, als die Bomben fielen.

Laut ABC war das Ministerium "noch in der Nacht vor dem Angriff voller quirliger Aktivität".Der Belgrad-Korrespondent der "New York Times" hat berichtet, das Gebäude sei eine knappe Woche vor seinem Beschuß geräumt worden.Die "Washington Post" hatte ihre Liste möglicher Ziele eine Woche vor der tatsächlichen Attacke veröffentlicht.Dazwischen liegt Interpretations-Spielraum.Das Pentagon geht jedenfalls davon aus, daß in Belgrad mit Akribie festgehalten wird, was westliche Medien berichten - und dies wiederum gilt dem US-Verteidigungsministerium als Begründung für seine defensive Pressepolitik.Jugoslawische Frühwarner lassen sich beispielsweise Live-Bilder aus Aviano einspielen, dem norditalienischen Truppenstützpunkt, und berechnen anhand der Start-Zeiten der Kampfbomber deren wahrscheinliche Flugzeit bis Novi Sad, Pristina oder Belgrad.

ABC beschließt seinen knappen Bericht mit dem indirekten Zitat, NATO-Vertreter bezweifelten, daß es sich bei der raschen jugoslawischen Reaktion auf kommende Angriffe um Zufälle handele.Jetzt werde der Zugang zu solchen Geheiminformationen innerhalb der NATO beschränkt und gleichzeitig versucht, einen der Spionage Verdächtigen zu identifizieren.

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