Politik : Was wichtig ist

Robert von Rimscha

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Die Flaggen an Berlins Regierungsbauten wehen auf Halbmast. Die Bundesrepublik trägt Trauer, weil ein Ex-Minister und Ex-Vizekanzler tot ist. Nun kann man darüber streiten, ob Jürgen Möllemann auf eine Art und Weise starb, die seinem Leben wahrlich entsprach. Ein Ereignis wie der letzte Sturz Möllemanns vom Himmel wirbelt alles durcheinander. Innerhalb von Minuten schwenken alle Nachrichtensender im Fernsehen um. Pläne werden umgeworfen. Auch in Zeitungen. Was um 12 Uhr noch richtig und angemessen war, ist es um 13 Uhr nicht mehr. Und dass dies so ist, ist richtig.

Vielleicht wäre, wenn der 11. September nicht geschehen wäre, Rudolf Scharping zehn Monate früher aus dem Amt gedrängt worden. Nicht im Juli 2002, sondern eben im September 2001. Denn Stunden vor dem Terrorangriff auf New York gab es im Bundestag eine denkwürdige Sitzung, bei der Scharping Großbritannien vorwarf, das deutsche Engagement auf dem Balkan zu sabotieren. Dies hätte groß in den Zeitungen des 12. September 2001 gestanden – hätte es da das World Trade Center noch gegeben. Plötzlich war Scharping klein und unwichtig.

Gestern ist kein welthistorischer Einschnitt wie der 11. September passiert. Nur Kleineres wurde daher verdrängt. Wäre Jürgen Möllemann nicht tot, stünde hier der Bericht von einer gelungenen Premiere: Fast noch unter den Linden, im „Felix“ auf der Rückseite des „Adlon“, trafen sich am Mittwochabend Sportler, Künstler und Pressemenschen zu einer Fete namens „Sport meets Media“. Es war ein schöner Abend. Doch plötzlich ist das unwichtig. Was richtig ist. Auch wenn wir nur einen Moment lang innehalten.

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