Politik : Was wir alleine nicht schaffen Von Armin Lehmann

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Der Sport ist König des Augenblicks. Er lebt in Momenten – etwa wenn ein unerwartetes Tor fällt, das den umjubelten Sieg bringt. Der Sport ist nicht nachhaltiges, sondern flüchtiges Glück. Diese Fähigkeit zur überschwappenden Emotion, zum großen Gefühl, fasziniert selbst Menschen, die keine Sportfans sind. Sie werden überwältigt von der Macht dieser Momente, deren Philosophie auf einem einzigen Satz basiert: Wir können es schaffen!

Dieser Satz, nimmt man ihn ernst und handelt danach wie derzeit die deutsche Handball-Nationalmannschaft, kann eben auch ein ganzes Land in ekstatische Handball-Fans verwandeln, obwohl dieses Land sich eigentlich kaum für Handball interessiert. Der Mechanismus, damit es funktioniert, beruht auf Hingabe. Nun wäre es schön, wenn das auch in anderen Bereichen des Lebens funktionieren würde, zum Beispiel in der Politik. Aber das ist eine Illusion. Die Politik kennt den direkten Zug zum Tor nicht, also zu dem einen, klaren Ziel. Sie ist um Ausgleich bemüht, und auf ihrem Weg wird sie vielfach abgelenkt, auch vom Drang zur Macht und zur Machterhaltung. Politik ist deshalb selten hingebungsvoll, elektrisiert keine Massen.

Nun ist es so, dass Empathie und Identifikation sich auch vom Sport nicht organisieren lassen, sie passieren einfach. Es ist deshalb müßig, den Funktionären und Machern der WM vorzuwerfen, sie hätten im Vorfeld zu wenig getan, um für ihren Sport zu werben – auch wenn es paradox ist, dass man diese WM außerhalb der Hallen und des Fernsehens kaum wahrnehmen kann. Vielleicht war der Handball- Bund zu eingeschüchtert vom tollen Sommermärchen Fußball und hat gedacht: Das können wir nicht toppen, also scheren wir uns nicht wirklich um Übertragungszeiten oder Public Viewing.

Aber die Macht hat gezeigt, was sie kann. Eingefleischte Fußball-Fans kramen die Deutschlandfahnen vom Sommer fürs Auto heraus, Menschen, die nie etwas für Handball übrighatten, versuchen zu verstehen, was ein Kreisläufer ist und wann es einen Siebenmeter gibt. In gediegenen Restaurants wird man empfangen mit einem langgezogenen „Fiinaale“. Es werden wieder schwarz-rot-goldene Fahnen geschwenkt, und die Nationalhymne wird inbrünstig geschmettert.

Und so findet das Sommermärchen 2006 deshalb eine Fortsetzung, weil es eine Einheit gibt aus denen, die spielen, und denen, die sie anfeuern. Diese Einheit zu sein, macht beiden Seiten Spaß. So war es schon im Sommer. Erst im Zusammenspiel mit den Fans, mit dem heimischen Publikum, ist den Deutschen aufgegangen, wie stark sie sein können. Und die Fans haben es auch gemerkt. Nicht zufällig wurde im Sommer eine Strophe des Sängers Xavier Naidoo, „Was wir alleine nicht schaffen, das schaffen wir dann zusammen“, zur gemeinsamen Hymne.

In der Heimat zu spielen, bedeutet nicht automatisch Heimvorteil, vor allem nicht, wenn Tausende Zuschauer aus Enttäuschung pfeifen. Das eigene Publikum kann auch Angst machen, den Erfolgsdruck steigern. Aber bei der Fußball-WM im Sommer und bei dieser Handball-WM war das Publikum von Vorteil, weil es die Philosophie „Wir können es schaffen“ mitlebte. Diese Art der Verschmelzung, aus Spaß, nicht aus nationalistischem Ehrgeiz, ist das Geheimnis dieser Erfolge.

Aber nehmen wir es nicht zu ernst. Jede Analogie vom Sport zum Zustand der Gesellschaft ist falsch, solange es nichts gibt, was über den Tag hinaus wirkt. Auch nach diesem Turnier wird weder die Gesundheitsreform an Qualität gewinnen noch Vollbeschäftigung im Land herrschen. Wenn es aber unbedingt auch etwas Nachhaltigkeit sein soll, bitte schön: Vom Fußball-Sommer in den Handball-Winter ist die gelassene Atmosphäre geblieben. Es ist ein unverkrampftes Deutschsein, das sich austobt, aber es ist auch ein faires, gastfreundliches Deutschland zu sehen.

Und so kann uns die Macht des Augenblicks am Sonntagnachmittag gefangen nehmen, Sieg oder Niederlage – von Dienstag an interessiert Handball außer den Handballern sowieso wieder kaum jemanden mehr.

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