Politik : Was wir sehen, was wir fühlen

DIE BILDER VOM KRIEG

-

Von Christoph von Marschall

Was wir sehen, erfüllt uns mit Schrecken. Was wir erfahren, glauben wir nicht. Und worauf wir hoffen sollen, wissen wir nicht.

Die Bestürzung über diesen Krieg war von Anfang an groß. Weil er kein überzeugendes moralisches Ziel hat wie der 1999 im Kosovo, wo die Nato die Vertreibung der Albaner stoppte. Oder in Afghanistan, wo die meisten Deutschen, wenn auch schweren Herzens, zustimmten, dass die TalibanDiktatur gestürzt werden muss; immerhin beherbergte sie die Urheber des schrecklichen Terroranschlags von New York. Mit den Bildern aus dem Irak wächst das Entsetzen über die Realität des Krieges: weinende Kinder, Verwundete, Leichen, zerstörte Häuser, der dunkle Rauch brennenden Öls. Das berührt und verstört. Jeden.

Nun bedrohen die Nachrichten vom stockenden Vormarsch der Amerikaner und Briten auch noch die letzte Hoffnung, an die sich viele klammerten: Wenn sich dieser falsche Krieg schon nicht verhindern ließ, soll er bitte glimpflich enden, mit einem raschen Sieg über den Diktator. Damit das Leid nicht ins Unermessliche wächst. Damit humanitäre Hilfe zu den Betroffenen gelangt. Und der Wiederaufbau beginnen kann.

Doch ein Heer ungeahnter Probleme scheint mit Saddam Hussein gegen Amerikaner und Briten zu kämpfen: Sandstürme, der Beschuss durch eigene Soldaten, die berüchtigten Kollateralschäden. Haben die Militärplaner das nicht bedacht? Die Verunsicherung wächst. Wenn es so schlecht läuft, könnte es dann sogar dahin kommen, dass Bushs Sieg gar nicht sicher ist?

Solche Zweifel gab es auch in den Kriegen gegen Milosevic und die Taliban. Die Warnung im Kosovo: Mit Luftangriffen allein sei Serbien nicht zu besiegen, und eine Bodenoffensive der Nato würde in einem blutigen Partisanenkrieg in den Schluchten des Balkan stecken bleiben. 77 Tage musste der Westen hoffen und bangen – dann kapitulierte Milosevic. In Afghanistan galt vielen das Scheitern der Sowjets als Beleg, dass Amerika dort ein zweites Vietnam erleben werde – nach zwei Monaten beendete der Fall der Taliban-Hochburg Kandahar die schlimmsten Kämpfe.

Wenn im Irak-Krieg bereits am sechsten Tag böse Vorahnungen um sich greifen, dann wohl nicht allein wegen der militärischen Erfolge und Misserfolge. Nach nicht einmal einer Woche stehen Bushs Truppen kurz vor Bagdad. Ja, richtig: Sie tun sich schwer, Basra einzunehmen und stoßen vielerorts auf heftigen Widerstand. Aber solche Entwicklungen werden das Pentagon doch nicht überraschen. Und könnte nicht sogar wahr sein, was Militärexperten sagen: Der Vormarsch käme rascher voran, wenn die US-Truppen mehr Risiken eingingen; Risiken für die eigenen Soldaten, aber auch für die irakische Zivilbevölkerung? Amerika, so argumentieren sie, führt den Krieg eben nicht wie die Russen in Tschetschenien, mit Bombenteppichen auf Dörfer und Vorstädte, ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung. Da wiegt jeder Fehltreffer doppelt schwer.

Wenn nicht sogar dreifach. Die Wirren des Krieges erschrecken die Deutschen diesmal noch mehr als im Kosovo und in Afghanistan, weil sie diesen Krieg als nicht gerechtfertigt beurteilen. Die Bilder von Toten und Verwundeten nach Luftangriffen waren auch damals schwer zu ertragen, aber gegen das Leid stand die Hoffnung, dass das Vertreiben und Morden gestoppt wird. Den Irak-Krieg sehen die meisten Deutschen mit anderen Augen. Deshalb wollen viele auch keinen großen Unterschied zwischen Bushs und Saddams Informationspolitik machen: alles Propaganda!

Ist das so? Die Demokratie Amerika hat viel zu verlieren, wenn die Medien sie beim Lügen ertappen: ihre Glaubwürdigkeit, nicht nur in Deutschland, sondern überall in der Welt, auch vor den eigenen Bürgern. Und bei dem Aufgebot an Journalisten kann man die Wahrheit über Opfer und Zerstörungen nicht auf Dauer unterdrücken. Der Diktator Saddam hat seine Herrschaft von Anfang an auf Lüge, Täuschung und Vertuschung gebaut. Ihm kann man nichts glauben.

Militärisch wird Amerika diesen Krieg gewinnen, ob das nun Tage, Wochen oder Monate dauert. Aber wenn der menschliche Preis dafür zu hoch wird, dann ist der Sieg eine moralische und eine politische Niederlage.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben