Politik : Was wir von China nicht lernen sollten

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Reich der Mitte – sagt man das noch? Erlaubt es das Gleichstellungsgesetz noch, mitzuteilen, uns komme etwas chinesisch vor? China ist vom Land, über das niemand irgendetwas wusste, zu einem Land geworden, über das alle zu viel wissen: das Reich der abgekupferten Handtaschen und des kommunistischsten aller Kapitalismusse, technisch im 21., ökologisch und menschenrechtlich im 19.Jahrhundert – aber die Mauer, echt der Hammer!

Na, so ungefähr reden wir und haben doch kaum eine Ahnung, was da drüben wirklich passiert. So was hier zum Beispiel: Bei einer Beerdigung in der Provinz Jiangsu haben jetzt zwei Künstler vor TV-Kameras und 200 Trauergästen einen Striptease hingelegt. Das war keine obszöne Überraschung, sondern moderne chinesische Sitte. Denn in China herrscht der Glaube, eine große Zahl von Trauergästen bringe dem Verstorbenen mehr Ehre ein. Und viele Trauergäste kommen, wenn man ihnen etwas fürs Auge bietet …

Immerhin haben die Behörden das jetzt unterbunden, fünf Verdächtige festgesetzt und eine Art spätsozialistische Auflage erlassen: Die Dorfkomitees müssen künftig nach jedem Todesfall einen Ablaufplan der Feier vorlegen.

Zugegeben: Stripper beim Begräbnis, das ist ein sehr harter Kontrast, das würden wir in Deutschland allenfalls verblichenen Playboys angedeihen lassen, und zwar nach der Trauerfeier. Aber der chinesische Grundgedanke ist von bestechender Prägnanz: Man wünscht, dass Menschen etwas Bestimmtes tun, und lockt sie mit einem Anreiz. „Es ist egal, ob die Katze rot oder schwarz ist“, heißt es in der Mao-Bibel, „die Hauptsache ist, sie fängt Mäuse“. (Der große Vorsitzende hatte seinerzeit eine äußerst pragmatische Haltung: Der Wahl- O-Mat würde ihn heute zur Hälfte der WASG, zur anderen Hälfte der FPD zuteilen.)

Die Versuchung ist relativ groß, aus den chinesischen Erfahrungen etwas lernen zu wollen. Dem Bundestagspräsidenten zwecks Erhöhung der Einschaltquote zwei leicht bekleidete Beisitzerinnen zur Seite stellen? Die darnieder liegende Wahlbeteiligung nach oben peitschen mit Strippern, die aus der Wahlurne springen? Das wäre enorm pragmatisch, aber doch mit der deutschen Politikkultur ü-ber-haupt nicht zu vereinbaren. Es wird wohl vorerst dabei bleiben, dass wir nächstes Mal in Venedig wieder eine garantiert gefälschte chinesische Handtasche mitnehmen.

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