Politik : Was wird sein, wenn sich China und Indien motorisieren?

Thomas de Padova

In wenigen Tagen werden es also sechs Milliarden Menschen sein. Die Vereinten Nationen haben den 12. Oktober symbolisch als Datum gewählt, an dem die magische Schwelle überschritten wird. Innerhalb von zwölf Jahren ist die Weltbevölkerung damit erneut um eine Milliarde Menschen gewachsen. Von solch großen Zahlen können wir uns keinen Begriff mehr machen. Unvorstellbar etwa, dass in Indien jährlich zehn Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen werden müssten, damit die ohnehin hohe Arbeitslosenquote nicht noch weiter steigt. Oder dass in Afrika südlich der Sahara 120 Millionen Frauen Analphabetinnen sind und keinen Zugang zu Schulen haben.

Konferenzen wie das am Donnerstag in Berlin zu Ende gegangene "Forum Globale Fragen", ausgerichtet vom Auswärtigen Amt und der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung, überschwemmen die Teilnehmer mit Daten. Statt Freude über eine gestiegene Lebenserwartung und geringere Säuglingssterblichkeit herrscht aber eine Weltuntergangsstimmung. "Seit 200 Jahren glauben die Menschen, dass die Welt wegen des Bevölkerungszuwachses zugrunde geht", sagt Herwig Birg, Direktor des Instituts für Bevölkerungsforschung der Uni Bielefeld.

Doch er verweist auf den starken Rückgang der Geburtenrate: In Asien sank sie in den vergangenen 50 Jahren von statistisch gesehen 5,9 auf 2,6 Kinder pro Frau. Entgegen den zuletzt immer weiter nach unten korrigierten UN-Prognosen schätzt Birg daher, die Weltbevölkerung werde schon vor Mitte des kommenden Jahrhunderts mit 7,5 Milliarden Menschen ihr Maximum erreichen und nicht auf neun Milliarden oder mehr anwachsen. Für die Zukunft der Menschheit sei aber ohnehin nicht allein die Zahl der Menschen von Bedeutung, sondern vor allem ihr Verhalten.

"Die Industrieländer machen weniger als 20 Prozent der Weltbevölkerung aus, sind jedoch für zwei Drittel des Energiekonsums verantwortlich", rechnet Klaus M. Leisinger, Geschäftsführer der Novartis-Stiftung für nachhaltige Entwicklung, vor. So wird in Deutschland (82 Millionen Einwohner) genauso viel Kohlendioxid in die Atmosphäre geblasen wie in Indien (eine Milliarde Einwohner). Nicht das Bevölkerungswachstum in Indien beunruhigt im Hinblick auf einen möglichen Klimakollaps, sondern die Vorstellung, die Inder könnten dereinst dasselbe Konsum-, Mobilitäts- und Umweltverhalten an den Tag legen wie wir.

Derzeit scheint die Industrialisierung in Indien oder in China genau in diese Richtung zu laufen. Immer mehr Menschen leben in Städten, es steigen Wasser- oder Energieverbrauch pro Kopf, zudem türmen die neuen Städter immer höhere Müllberge auf. "Wir haben bisher die Erfahrung gemacht, dass die Umweltverschmutzung mit dem Wohlstand zunimmt", sagt Ernst-Ulrich von Weizsäcker, Direktor des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt und Energie. "Wenn sich China motorisiert, lautet aber eine wichtige Frage, ob sie auf dem Stand der Acht-Liter-Autos hocken bleiben oder ob sie dann Drei-Liter-Autos nehmen."

Mit neuen, effizienteren Technologien ließen sich die Ressourcen nach Ansicht der Fachleute immerhin strecken. "Aber unter dem Druck der Energieliberalisierung gehen Effizienz oder regenerative Energiekonzepte den Bach runter", sagt von Weizsäcker. Und Außenminister Joschka Fischer betont, allein der Frage nach der Ökosteuer hierzulande gehe "ein barbarisch knallharter Kampf gegen Interessensgruppen voraus".

Die langsame und schrittweise Einführung ökologisch angepasster Preise gehört nach wie vor zu den meistgenannten Konzepten, um die weltweit zunehmende Umweltbelastung zu bremsen. Doch setzt dies ein gemeinsames Handeln der Staatengemeinschaft und eine auch von Fischer geforderte Stärkung der Vereinten Nationen voraus. Von Weizsäcker klingt diesbezüglich nicht gerade optimistisch: "Die Weltgemeinschaft ist gewillt, das Problem noch schlimmer zu machen und am Sonntag zu sagen: Die Bevölkerung ist zu hoch!"

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