Politik : Was wurde aus Wolfgang Templin?

Robert Ide

Im Zuge der DDR-Wende standen sie vor zehn Jahren plötzlich im Rampenlicht. Viele von ihnen kennt inzwischen kaum noch jemand. Der Tagesspiegel stellt täglich ein "Gesicht der Wende" vor und sagt, was aus den Akteuren von damals geworden ist.

In den Monaten nach der Wende war Wolfgang Templin (50) einer der Mitbegründer von "Bündnis 90". Kurz nach dem Mauerfall war der geborene Jenenser nach Ost-Berlin zurückgekehrt. Ein Jahr zuvor hatte man ihn wegen seiner Teilnahme an der offiziellen Liebknecht-Luxemburg-Demonstration mit eigenen Plakaten verhaftet und in die Bundesrepublik abgeschoben.

Zu DDR-Zeiten hatte Templin schnell gelernt, wie im Staat mit "feindlich-negativen Elementen" umgegangen wurde. Der ausgebildete Bibliothekar und studierte Philosoph fand sich nämlich 1983 zum Holzhacken im Wald wieder: Nach Abbruch seiner vierjährigen Tätigkeit als Stasi-IM und intensiven Kontakten zur polnischen Opposition "durfte" er als Waldarbeiter, Heizer und Putzhilfe arbeiten. Templin ließ sich trotz härtester Verfolgung durch das MfS nicht von seinem Engagement für die europäische Menschenrechtsbewegung abbringen. Mitte der achtziger Jahre war er Mitbegründer der IFM, die sich mit der illegalen Zeitschrift "Grenzfall" an die Öffentlichkeit wandte.

Nach dem Mauerfall und der Gründung von "Bündnis 90" verabschiedete sich Templin schrittweise aus der aktiven Politik. "Ich habe keine Lust auf politische Verschleißkämpfe", sagt Templin heute. Statt sich in der täglichen Meinungsschlacht aufzureiben, erfreut sich der 50-Jährige am Schreiben politischer Essays und am Tanzen im Kreuzberger Kultsalon "Walzer linksgestrickt". Taktvoll zieht sich der unbequeme Bürgerrechtler jedoch nicht zurück. Mehrmals eckte er mit publizistischen Beiträgen, etwa in der "Jungen Freiheit", bei alten Weggefährten an. Templin bleibt streitbar. In den Wald wird er deshalb nicht mehr geschickt.

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