Politik : Washington wird bescheidener

Andrea Nüsse[Amman]

Die Ankündigung ließ aufhorchen: US-Außenminister Colin Powell und der amerikanische Zivilverwalter in Irak, Paul Bremer, schlossen beide am Freitag einen möglichen Truppenabzug nach dem 30. Juni nicht mehr aus. Doch was wie eine Kehrtwende in der amerikanischen Irak-Politik wirkt, ist wohl eher ein cleverer PR-Coup. Denn Powell und Bremer machten gleichzeitig deutlich, dass sie nicht damit rechneten, dass die neue irakische Interimsregierung, welche die Geschäfte ab 1. Juli führen soll, den Truppenabzug fordern würde. Der Sprecher der Koalitionstruppen im Irak, Dan Senor , bezeichnete diese Möglichkeit denn auch als eine „wilde Hypothese“. Es scheint vielmehr, als ob die USA damit einerseits einen etwas bescheideneren Ton anschlagen, nachdem die Foltervorwürfe ihr Ansehen stark beschädigt haben.

Gleichzeitig erhöht Washington aber auch die Glaubwürdigkeit der Interimsregierung, wenn sie sich zumindest theoretisch deren Votum fügen wollen. Bisher weiß allerdings niemand, wer in dieser Regierung sitzen wird und wie die Auswahl zustande kommen wird. Der bisherige Regierungsrat hat mit Ausnahme von wenigen Mitgliedern wie Adnan Pachachi keinen Rückhalt in der Bevölkerung.

Die USA scheinen mittlerweile zwar von ihrer Unterstützung für umstrittene Kandidaten wie etwa Ahmed Chalabi abgerückt zu sein. Dennoch kann man davon ausgehen, dass das neue Gremium nicht mehrheitlich von radikalen US-Gegnern besetzt sein wird. Unklar ist bisher noch, welche Rechte die USA der Übergangsregierung überhaupt zu übertragen gedenken.

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