Politik : Wasser marsch!

Am Anfang schwebte der Geist Gottes über dem Molekül: H2O. Der Baustoff des Lebens. Nun wird er knapp – und zum Gold der Zukunft

Marleen Stoessel
2010 Foto: IMAGO
2010Foto: IMAGO

Fast kein Tag ohne eine Meldung von der Spree- und Wasserfront. Hier ficht man derzeit, wie es scheint erfolgreich, einen Kampf um das Offenlegen von Verträgen zur Wassernutzung aus.

Im Juli dieses Jahres wurde Wasser von den UN zu einem Menschenrecht erhoben, genauer: der Zugang zu sauberem Wasser. Eine Resolution, die völkerrechtlich zwar keine Verbindlichkeit, jedoch großen Symbolwert hat. Einer ihrer entschiedensten Verfechter war Deutschland. „Weltweit“, so begründete der UN- Botschafter Peter Wittig die nicht von allen Mitgliedstaaten angenommene Entscheidung, „haben 884 Millionen Menschen keinen genügenden Zugang zu sauberem Wasser und mehr als 2,6 Milliarden keinen zu einfachen sanitären Anlagen. Jedes Jahr sterben etwa zwei Millionen Menschen an den Folgen unsauberen Wassers, die meisten von ihnen sind Kinder.“

In Haiti wütet derzeit die Cholera, als Folge von verseuchtem Wasser.

Am Baikal-See, dem ältesten, tiefsten und größten Süßwasser-See der Erde, 1996 zum Weltnaturerbe ernannt, darf eine Papier- und Zellstofffabrik wiedereröffnen, die erst 2008 wegen Umweltbedenken geschlossen worden war. Jahrzehntelang hatte sie ihre giftigen Abwässer teilweise ungefiltert in den See geleitet – nun darf das Unternehmen erneut wie früher arbeiten.

Hierzulande indes ist der Nitrat-Gehalt des Grundwassers infolge mangelnder Umwelthygiene noch vielfach zu hoch.

Wasser! Reines Wasser, verseuchtes Wasser, knappes Wasser. Wasser bestimmte unsere Vergangenheit, bestimmt unsere Gegenwart und wird in noch stärkerem Maße unsere Zukunft bestimmen.

Was aber ist dieses mythische, immerfort entgleitende Nass, das scheinbar so selbstverständlich auch unseren Berliner Alltag begleitet? Was ist das für ein ungreifbarer Stoff, dieser Ur- und Lebensstoff: Wasser?

Am Anfang, so erzählt es die Bibel, schwebte der Geist Gottes über dem Wasser. Auch für Ungläubige ein wundervolles Bild. Wasser ist Quelle, Beginn, Schöpfung des Lebens, weshalb man heute auch auf Mond und Mars nach ihm forscht. Greift man hinein, flieht es wie eine Nixe, man fühlt es zwar, kann es aber nicht fassen – außer dem feuchten Glanz auf der Haut hinterlässt es keine sichtbare Spur. Das Element, welches wesentlich für alles Leben ist, das zu 71% unseren Planeten, den blauen, durchfließt und aus dem der Körper eines erwachsenen Menschen zu knapp zwei Dritteln besteht – dieses Element, das selbst Steine erweicht und besiegt, entzieht sich aller Greifbarkeit. Und kann zugleich doch, anders als der Wind, transportiert, gestaut und gewichtet werden. Entsprechend nüchtern beschreibt es die Wissenschaft: Am Anfang war nicht der Geist oder das Wort, sondern ein Wasserstoffatom, woraus im Verlauf von Milliarden von Jahren, dank des Heliums als Mittler, das Wassermolekül sich bildete: als Verbindung zweier Wasserstoffatome mit einem Sauerstoffatom, H2O. In Bruchteilen von Sekunden vermögen diese Wassermoleküle über Wasserstoffbrücken sich zu neuen Verbünden und Clustern zusammenzuschließen, sich zu verketten und wieder aufzulösen und so die besonderen Eigenschaften des Wassers zu erzeugen. Zugleich aber scheint das Element so charakterlos zu sein wie es faszinierend ist.

Als Spiegel, glatt oder launisch gewellt, nimmt es alle Farben seiner Umgebung an – die dunklen und düsteren, die warmen und sanften als auch die strahlend hellen. Narziss spiegelte sich, liebestrunken von seinem eigenen Bild, in ihm, stürzte sich voller Sehnsucht hinein, konnte nicht schwimmen – ertrank. Wasser, das Symbol für Leben schlechthin, bringt auch den Tod. Alle Farben und Geschehnisse des Lebens, zu denen auch Tod und Zerstörung zählen, reflektieren sich in ihm: Fluch und Segen, Gut und Böse, Gift und Arznei. Weshalb einst der griechische Philosoph Heraklit an seinem ewigen Wandel die Befindlichkeit des Menschen ablas und das Sein als das ewig Wechselnde, Fließende bestimmte: Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss. Panta rhei.

Keiner, der nicht je in Berührung käme mit diesem Element unseres Daseins, ohne welches wir nicht leben, kaum drei Tage überleben könnten. Denn Wasser wird gewissermaßen für alles gebraucht: zum Zähneputzen wie zur Kühlung von Automotoren oder Atomkraftwerken. Es löscht den Durst und das Feuer, es löscht wie Lethe die Erinnerung – und vergisst doch nichts. Vergisst nicht die Gesteinsschichten, die es durchfließt und als Spuren von Metallen, Mineralien und Kalken mit sich schwemmt, vergisst nicht die Schäden, die man ihm zufügt, vielleicht auch nicht die heilsamen Substanzen, die ihm die Homöopathen als pure geistig-energetische Information zuschreiben. Es wird verherrlicht als Jungbrunnen oder auch Gesundbrunnen und ein Arzt namens Sebastian Kneipp hat mit ihm eine der erfolgreichsten Heilkuren entwickelt; selbst im Wodka und im Whisky verklärt es noch seine Herkunft in scheinbar unschuldig-blaublütiger Etymologie. Als „heilig-nüchtern“ indessen hat es einst Hölderlin apostrophiert; Maler haben aus ihm das Aquarell erzeugt und mit dieser kunstvollen Technik eben jene Wirkung, das bewegte Wechselspiel von Licht und Farbe, geschaffen, die Wasser natürlicherweise hervorbringt. Die australischen, die Wüste durchstreifenden Aborigines bewahren in ihren Liedern wie auf einer tönenden Landkarte die Orte auf, an denen sie das kostbare Lebenselixier finden, ja förmlich ersingen können. Kamele speichern es in ihren Eingeweiden, Wünschelrutengänger ertasten seine unterirdischen Adern. Wo Wüste ist, wird sein Vorkommen zur nährenden Oase für Mensch und Tier, wo es überfließt und mit seinen Fluten überschwemmt, wirkt es als Zerstörung und unzähmbare Gewalt – nicht nur in Mythen und Legenden von der Sintflut bis Atlantis, sondern in seiner ganzen Geschichte von Beginn an bis heute.

Wasser ist so faszinierend wie charakterlos, denn sein Charakter ist nur der, den ihm seine Umgebung und, nicht zuletzt, der Mensch verleiht: Gift und Schmutz oder Reinheit und heilsame Wirkung. Wasser zur Reinigung und Hygiene, Wasser zu Taufe und rituellem Kult, Wasser für Landwirtschaft und Vieh, Wasser zum Kochen, zur Kühlung, zum Trinken – Härtegrade, PH-Werte, Säuregehalt, aber auch Färbung, Trübung und Geruch sind Indikatoren seiner Qualität. Von den riesigen Wasservorkommen auf der Erde fallen 97 Prozent auf das Salzwasser der Meere, zwei Prozent liefern Polareis und Gletscher und nur ein Prozent davon sind Süßwasser, das wir zum Trinken benötigen. Wasser, ob als Nutz- oder Trinkwasser, muss also aufbereitet werden, entsalzt und geklärt. Die Gletscher wie das Polareis schmelzen – infolge der Klimaerwärmung mit zunehmender Geschwindigkeit. Dies stört und verändert den Kreislauf, den das Wasser auf dem Weg über die Verdunstung seiner Gewässer aufwärts über Wolken und über neue Niederschläge wieder hinab bis zum Rückfluss in Meere, Flüsse und Grundwasser beschreibt. Die Folgen: Überschwemmungen, Einbrüche und Erosionen auf der einen Seite – Trockenheit, ausgelaugte, zwecks Viehfutter kaputtgerodete Böden und zerstörte Bioreservate auf der anderen. Für die Produktion von Fleisch (in den USA zu über 99 Prozent, hierzulande zu rund 98 Prozent aus Massentierhaltung) wird im Unterschied zu Getreide allein die fünffache Menge an Wasser verbraucht. Es wird auch „virtuelles“ Wasser genannt, da es zu Anbau, Herstellung und Transport benötigt wird, ob Fleisch, Getreide oder Tomaten. Zugleich wirkt die Störung des klimatischen Kreislaufs zurück auf das Leben der Menschen, vor allem in den ärmsten Regionen. So erhöht sich bei steigender Produktion zum Beispiel von Bananen auch drastisch der Verbrauch von Wasser, sodass es nicht mehr als Trinkwasser für die örtliche Bevölkerung zur Verfügung steht. Der durchschnittliche Tagesverbrauch von Wasser für einen erwachsenen Menschen beträgt rund 125 Liter. Ein kleines Frühstück mit Ei enthält dagegen circa 365 Liter virtuelles Wasser. Nicht zuletzt auch wegen des maßlosen Verbrauchs an virtuellem Wasser werden die realen Ressourcen so bedrohlich knapp.

Mehr als in jedem anderen Lebensbedürfnis spiegelt sich in der Geschichte des Wassers die Geschichte von Zivilisation und Kultur. Noch heute überbrücken steinerne Aquädukte aus römischer Zeit auch deutsche Täler und Klüfte, in Pakistan und im Euphrattal entdeckten Archäologen Jahrtausende alte Entwässerungssysteme. Doch erst im 19. Jahrhundert entstanden mit der Industrialisierung WC und die Techniken moderner Wasserversorgung und Kanalisation. Mein Urgroßvater, ein vermögender Arzt, legte in einem hochgelegenen Schwarzwalddorf von einer Bergquelle die erste Wasserleitung hinab zu seinem Anwesen (das heute ein nobles Kurhotel ist) – eine Kulturtat und Ende des 19. Jahrhunderts dort eine Sensation. Früher wurde aus Brunnen das Wasser geschöpft oder gepumpt – Treffpunkt vor allem für die Frauen und Liebende. Stille Wasser gründen tief. Heute beginnen wir eben erst wieder über dieses kostbare Gut, das manche als Ware, andere als Naturgeschenk ansehen möchten, nachzudenken – jetzt, wo seine Ressourcen auf der Erde schwinden.

Mehr als eine Naturgabe aber ist Wasser ein Kulturgut, in dem sich der Entwicklungsstand unserer weltweiten Solidargemeinschaft widerspiegelt. Denn Wasser ist ein gemeinschaftliches Gut, dessen Aufbereitung zum Trinkwasser und dessen Verteilung, aber auch dessen Entsorgung eine große soziale respektive politische Verantwortung auferlegen. „Wasser“, so heißt es in der Europäischen Wasserrichtlinie (WRRL), die vor knapp zehn Jahren in Kraft trat, „ist keine übliche Handelsware, sondern ein ererbtes Gut, das geschützt, verteidigt und entsprechend behandelt werden muss.“ Dieses ererbte naturgegebene Kulturgut indessen kostet, es hat seinen Preis. Gott habe vielleicht das Wasser gemacht, aber nicht die Leitungen! So konstatiert der französische Ökonom und Schriftsteller Erik Orsenna in seinem kürzlich erschienenen Buch „Die Zukunft des Wassers“. Daraus folgt der schon in der WRRL angedeutete schwierige Spagat: Wasser ist nicht gratis da und darf zugleich doch nicht zu einer Ware werden, deren profitträchtige Vermarktung die skrupellose Ausbeutung der Ressourcen bedeutet.

In seiner buchstäblichen tour d'horizon quer über den Globus rührt Orsenna denn unmittelbar auch an jenen Konflikt, der derzeit die Berliner beschäftigt: der Konflikt zwischen staatlicher und privatwirtschaftlicher Verwaltung und Verteilung des Gemeinschaftsgutes Wasser. Als einen „kuriosen public-private Cocktail“ bezeichnet der Autor in einem eigenen Abschnitt den speziellen Berliner Kompromiss. Diese Verträge, deren notwendige Offenlegung mittlerweile fraglos ist, erscheinen hier gleichwohl in einem interessanten neuen Licht, da Orsenna es auch auf die besondere Berliner Geschichte lenkt. Wer außer Stadthistorikern weiß heute noch von den Zeiten vor aller Kanalisation (vor Ende des 19. Jahrhunderts), als Frauentrupps, die sogenannten „Nachtemmas“ in der Dunkelheit Kot und Jauche mit Kippen aus den Häusern holten, um sie auf den Rieselfeldern außerhalb der Stadt zu entsorgen? Oder dass am Ort der „Topographie des Terrors“ Mitte des 19. Jahrhunderts ein großer unterirdischer Wasserspeicher ausgehoben worden war? „Die Akustik dieses Orts“, so Orsennas ungerührter Kommentar über den späteren Ort des Grauens und der Folter, „hat eine ganz besondere Qualität“.

Nein, Wasser ist nicht unschuldig. Es hat auch nicht vermocht, die Hände des Pilatus oder der Lady Macbeth rein zu waschen. Alle Reinigungsrituale, ob kultisch oder zwangsneurotisch, bedürfen des Wassers, das nur so unschuldig oder schuldig ist wie der Mensch, der sich seiner bedient. Es tilgt und offenbart die Schuld – offenbart nicht zuletzt auch jene Schulden und Kosten, die seine Herstellung und Verteilung verursachen. Ja, es legt die Systeme und ihre Verstrickungen bloß, die in Berlin zu Zeiten der Mauer dazu führten, dass die ungeklärten Gewässer unterirdisch weiterflossen. Als Enklave mitten im Osten verfügte West-Berlin über keine ausreichenden Kläranlagen. So wurden die kapitalistischen Abwässer ostwärts ihrer kommunistischen Behandlung und Aufbereitung zugeführt, gegen hohe Devisen, versteht sich. Wie also sollten nach der Wende das Zusammenführen und die Modernisierung der Wassernetze sinnvoll vor sich gehen? Weniger als eindeutige Antwort denn als mehrsinnige Frage gilt gleichwohl der staatlich-privaten Mischform Orsennas unterschwelliges Plädoyer.

Den europäischen Verträgen zufolge soll bis 2015 für Grundwasser und oberirdische Gewässer ein „guter ökologischer chemischer Zustand“ erreicht sein. Bis zu demselben Zeitpunkt sollen auch die vor zehn Jahren von 189 Ländern proklamierten Millenniumsziele umgesetzt werden, das heißt bis dahin soll die Zahl der Menschen ohne Zugang zu Trinkwasser und ausreichenden sanitären Einrichtungen auf die Hälfte reduziert sein. Derweil aber schmelzen die Gletscher weiter, brechen neue Tsunamis aus, werden weitere Biotope für falsche Ernährung für falsche Zwecke an falschem Ort austrocknen, wird nicht nur am Baikalsee weiterhin die Umwelt versaut, werden weiter viele dehydrierte Kinder sterben. Doch Wasser, das wahre Gold unserer Zukunft, ist weder kostenlos verfügbar, noch grenzenlos ausbeutbar. Es ist ein gemeinschaftliches Gut, das geteilt und gerecht verteilt werden muss – ein Kulturgut, an dessen Wertschätzung sich der humane Fortschritt der menschlichen Gesellschaft bemisst.

Jeder hat ein Recht auf sauberes Wasser. Ein Menschenrecht. Bis dieses aber eingelöst ist für alle – wie viel an Leiden, Leidenschaften wird Wasser täglich noch mit sich fortschwemmen, löschen, verzeihen, erinnern? Wie viel von seiner Kraft noch uns spenden? Von jener Kraft, deren Weisheit sich in Brechts Versen über Laotse spiegelt: „Dass das weiche Wasser in Bewegung/ Mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt./ Du verstehst, das Harte unterliegt.“ Du verstehst? Nur so könnte Wasser statt neuer Kriege auch Frieden stiften. Mit sanfter Gewalt – wie einst Gandhi, der fast lebenslang nur Wasser trank.

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