Wasserkrise : Gibt es genug Wasser auf der Welt?

Die Vereinten Nationen warnen vor einer globalen Wasserkrise. Warum gibt es nicht genug Wasser für alle Menschen auf der Welt?

Roland Knauer
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Quelle: Unep; Foto: dpa; Grafik: Kroupa/Tsp

Auch wenn die Vereinten Nationen (UN) auf dem Weltwasserforum in Istanbul vor der globalen Wasserkrise warnen, reicht das Nass theoretisch für alle. Doch die Praxis sieht leider anders aus: Jeder Mensch sollte am Tag zwei bis drei Liter Wasser trinken und braucht zwischen 20 und 300 Liter für den Haushalt. 2000 bis 3000 Liter werden bei der Produktion der Nahrung verbraucht, die dieser Durchschnittserdenbürger am Tag zu sich nimmt. Und dann kauft er noch diverse Industrieprodukte, deren Herstellung große Wassermengen verschluckt. Insgesamt benötigt ein Mensch im Schnitt rund 1,7 Millionen Liter Wasser im Jahr, kalkuliert die UN.

Gemeint ist damit allerdings Süßwasser. Meerwasser kann aus verschiedenen Gründen nicht verwendet werden. Als Trinkwasser taugt es nicht, und bewässern Bauern mit Meerwasser ihre Felder, würden diese sofort versalzen. In der Industrie wiederum würde das Salz die Anlagen beschädigen. Daher ist die Menschheit auf Süßwasser angewiesen, das aber nur rund drei Prozent des weltweit vorhandenen Wassers ausmacht. Mehr als die Hälfte davon liegt in fester Form als Eis vor und lässt sich daher kaum verwenden. Viel bleibt an verwendbaren Wasser daher nicht übrig. Aber es reicht, um jeden Menschen mit fünf bis sechs Millionen Litern Wasser im Jahr zu versorgen.

Wie ist das Wasser verteilt?

In der Theorie gibt es also mehr als genug Wasser. In der Praxis aber tut sich ein gravierendes Problem auf, über das 20 000 Experten, Politiker und Repräsentanten aus Wirtschaft und Nichtregierungsorganisation noch bis Sonntag in Istanbul diskutieren: Das verfügbare Süßwasser sei sehr ungleichmäßig über die Erde und die Menschheit verteilt, erklärt der Direktor des UN-Umweltprogramms Achim Steiner. In großen Teilen von China, Indien, Nordafrika, dem Nahen und Mittleren Osten, Mexiko und Südafrika ist Wasser knapp, während Länder wie Kanada Süßwasser im Überfluss haben. So kommen auf einen Jordanier theoretisch mit nur 200 000 der von der UN für nötig erachteten 1,7 Millionen Liter nicht einmal zwölf Prozent seines Bedarfs. Schon heute leben 1,4 Milliarden Menschen in Weltgegenden, die zu wenig Wasser für ihre Bedürfnisse liefern, erklärt die Naturschutzorganisation WWF. Bis 2025 könnte diese Zahl auf 1,8 Milliarden steigen. Die ungleiche Verteilung des Wassers ist für die Menschheit daher ein ähnlich großes Problem wie der Klimawandel, der den Wassermangel noch verstärken könnte.

Wo wird Süßwasser verschwendet?

Bereits heute lebt rund die Hälfte aller Menschen, die mit weniger als einer Millionen Liter Wasser im Jahr auskommen müssen, rund um das Mittelmeer. Gerade in diesen Gebieten mit wenig Regen wird aber erheblich mehr Wasser verschwendet als im feuchten Mitteleuropa, berichtet das Mittelmeerbüro des WWF in Rom. So versickern 40 bis 50 Prozent der in italienische Wasserleitungen eingespeisten Flüssigkeit durch unzählige undichte Stellen nutzlos im Boden, da das Netz nicht ausreichend gewartet wird. Solche Leitungsverluste kann niemand vermeiden, in Deutschland aber sind die Verluste mit zehn bis 20 Prozent erheblich kleiner.

Der größte Teil des Süßwassers aber fließt in den Ländern des Mittelmeerraumes nicht durch Wasserhähne und Duschköpfe, sondern auf die Felder der Bauern. Mit massiver Hilfe aus den Fördertöpfen der Europäischen Union werden dort Feldfrüchte und Spezialkulturen angelegt, die besonders viel Wasser verbrauchen. An der Cota Doñana im Süden Spaniens reifen zum Beispiel die frühen Erdbeeren, die lange vor der hiesigen Saison die Märkte Mitteleuropas erreichen. Selbst die eigentlich an die Bedingungen des Mittelmeerraumes angepassten Olivenbäume sehen Experten kritisch, weil auch diese Bäume sehr viel Wasser verbrauchen: Schon längst gibt es durch EU- Subventionen verstärkt Olivenöl im Überfluss in Europa. Und statt der zwar etwas teureren, aber erheblich sparsameren Bewässerung mit einzelnen Tropfen leiten viele Bauern das Wasser immer noch einfach auf ihre Felder. Das ist zwar billig, aber nicht sonderlich effektiv.

In den ohnehin trockenen Sommermonaten schnellt in vielen Regionen am Mittelmeer der Wasserverbrauch zusätzlich in die Höhe, sobald die Urlauber aus dem Norden die Hotelburgen in Spanien, Italien, Griechenland und der Türkei beziehen. Schließlich duscht der Tourist gerade in den heißen Klimazonen gern und lange. Obendrein essen die Urlauber in der Taverne, im Bistro oder in der Trattoria auch noch Lebensmittel, deren Herstellung viel Wasser verbraucht. Im Sommer versorgen die trockenen Mittelmeerländer also auch noch einen guten Teil der Bevölkerung aus dem Norden mit Wasser.

Lässt sich Wasser in die Mangelregionen transportieren?

Weit dramatischer ist die Lage in vielen arabischen Ländern. Ausgerechnet die Wüstenstaaten des Nahen und Mittleren Ostens aber verschwenden das knappe Wasser großzügig. So liegt der tägliche Wasserverbrauch pro Kopf mit rund tausend Litern in Saudi-Arabien sieben Mal höher als in Deutschland. Dort fließt das meiste Nass in die künstliche Bewässerung von Äckern und Grünland – in Saudi- Arabien sind das 87 Prozent. Verschwendung pur: Für die Produktion eines Liters Milch müssen in Deutschland ein paar Hundert, in Arabien 11 000 Liter Wasser eingesetzt werden. Arabische Staaten sollten solche Lebensmittel besser importieren. Denn auch der Transport von Wasser in die Wüste ist schwierig. So wäre es viel zu teuer, Eisberge aus hohen Breiten nach Arabien zu schleppen und das Schmelzwasser zu verwenden. Auch das Auskleiden leerer Supertanker in Europa mit Folien, die auf dem Rückweg in die Ölscheichtümer Wasser transportieren könnten, rechnet sich nicht. Praktikabel wäre einzig eine gigantische Wasser-Pipeline, die aus Anatolien das kostbare Naß nach Arabien leiten könnte. Ob sich ein solches Projekt durch krisengeschüttelte Länder wie Iran, Irak oder Syrien aber je verwirklichen lässt, steht in den Sternen.

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